Wie funktioniert der Benzinpreis? Was hinter jedem Rappen steckt
von belmedia Redaktion -schweizweit Alltag Auto Business business24.ch businessaktuell.ch Distribution Handel Magazine Motorrad motortipps.ch nachrichtenticker.ch News Orte rastplatz.ch Regionen Schweiz Schweiz Sportwagen Themen Transport Truck-Stops Unternehmen Verbreitung Verkehr Wirtschaft
Wer an einer Schweizer Tankstelle den Preis von Bleifrei 95 betrachtet, sieht am Ende nur eine Zahl. Dahinter steckt jedoch eine ganze Kette aus Weltmarkt, Raffinerien, Wechselkursen, Transportwegen, Steuern, Pflichtlagern und Wettbewerb. Im Sommer 2026 wurde diese Mechanik besonders sichtbar: Der TCS meldete am 25. August im Schweizer Durchschnitt rund 1.98 Franken für Bleifrei 95, 2.09 Franken für Bleifrei 98 und 2.23 Franken für Diesel.
Gleichzeitig sorgen ein tiefer Rheinpegel und die angespannte Lage im Nahen Osten für zusätzliche Unsicherheit. Der Benzinpreis entsteht deshalb nicht einfach aus dem Preis eines Fasses Rohöl – und schon gar nicht allein an der Tankstelle.
Viele Autofahrerinnen und Autofahrer fragen sich, weshalb der Preis innerhalb weniger Tage um mehrere Rappen steigen kann, warum eine Tankstelle im Nachbardorf deutlich günstiger ist und weshalb Diesel zeitweise wesentlich mehr kostet als Benzin. Die Antwort liegt darin, dass mehrere Preisbestandteile gleichzeitig wirken. Einige davon sind fix, andere verändern sich täglich oder sogar innerhalb weniger Stunden.
Wer die Mechanik versteht, erkennt auch, warum ein sinkender Rohölpreis nicht automatisch am nächsten Morgen zu billigeren Zapfsäulenpreisen führt – und warum ein niedriger Wasserstand auf dem Rhein plötzlich genauso wichtig werden kann wie politische Spannungen im Persischen Golf.
Der erste Irrtum: Rohöl ist nicht gleich Benzin
Am Anfang steht zwar Erdöl. Für den Schweizer Tankstellenpreis ist aber nicht einfach der bekannte Brent-Preis entscheidend. Rohöl muss zunächst in einer Raffinerie verarbeitet werden. Dabei entstehen verschiedene Produkte: Benzin, Diesel, Flugpetrol, Heizöl und weitere Erzeugnisse.
Ein Fass Rohöl lässt sich deshalb nicht eins zu eins in einen bestimmten Literpreis für Benzin umrechnen. Entscheidend ist, was fertiges Benzin beziehungsweise Diesel auf den europäischen Produktmärkten kostet. Für die Schweiz spielt insbesondere der Handelsraum Amsterdam, Rotterdam und Antwerpen – kurz ARA – eine wichtige Rolle. Die dortigen Produktnotierungen dienen als zentrale Referenz für den Schweizer Markt.
Rund 75 Prozent der in der Schweiz verbrauchten Strassentreibstoffe werden bereits als fertiges Benzin oder Diesel importiert. Der übrige Teil wird in der Raffinerie Cressier im Kanton Neuenburg hergestellt. Auch dort stammt das Rohöl aus dem Ausland. Die Schweiz verfügt über keine eigenen Erdölvorkommen und ist deshalb bei Rohöl und Mineralölprodukten vollständig auf internationale Lieferketten angewiesen.
Warum Raffinerien den Preis stark beeinflussen können
Selbst wenn der Rohölpreis stabil bleibt, können Benzin und Diesel teurer werden. Der Grund liegt in den Raffinerien. Ist die Nachfrage nach einem bestimmten Produkt hoch und gleichzeitig wenig Raffineriekapazität verfügbar, steigt der Preis des fertigen Treibstoffs.
Fallen Raffinerien wegen Wartungsarbeiten, technischer Probleme, Sanktionen oder Kriegsschäden aus, wird das Angebot an Benzin oder Diesel knapper. Dann kann sich die sogenannte Raffineriemarge ausweiten. Das bedeutet: Der Abstand zwischen dem Preis des Rohöls und dem Preis des fertigen Produkts wird grösser.
Genau deshalb kann es vorkommen, dass der Ölpreis an den Börsen kaum steigt, Autofahrer aber trotzdem mehr bezahlen müssen. Im Sommer 2026 waren eingeschränkte Raffineriekapazitäten neben geopolitischen Risiken und hohen Transportkosten ein wichtiger Grund für höhere Treibstoffpreise.
Der Dollar entscheidet mit
Erdöl und viele Mineralölprodukte werden international in US-Dollar gehandelt. Für die Schweiz kommt deshalb ein zweiter Marktpreis ins Spiel: der Wechselkurs zwischen Dollar und Franken.
Wird der Franken gegenüber dem Dollar stärker, werden in Dollar gehandelte Produkte für Schweizer Importeure grundsätzlich günstiger. Wird der Franken schwächer, verteuern sich dieselben Mengen, selbst wenn der Dollarpreis des Produkts unverändert bleibt.
Ein einfaches Beispiel zeigt die Wirkung: Steigt ein Treibstoffprodukt auf dem Weltmarkt um fünf Prozent, während der Franken gleichzeitig gegenüber dem Dollar stärker wird, kann ein Teil dieses Anstiegs rechnerisch aufgefangen werden. Bewegen sich hingegen Produktpreis und Dollar gleichzeitig gegen die Schweiz, verstärkt sich der Effekt.
Wie stark Ölpreisschwankungen auch andere Märkte bewegen können, zeigte sich im Frühjahr 2026. Ein Belmedia-Hintergrund ordnete damals die Turbulenzen am Ölmarkt und ihre Folgen für die Finanzmärkte ein.
Der Rhein kann über mehrere Rappen entscheiden
Nach dem Handelspreis folgt die Logistik. Ein grosser Teil der importierten Mineralölprodukte gelangt über den Rhein nach Basel. Von dort werden Benzin und Diesel über Tanklager, Bahn und Tanklastwagen weiterverteilt.
Bei normalem Wasserstand können Tankschiffe grosse Mengen transportieren. Bei Niedrigwasser sinkt jedoch die zulässige Beladung. Das gleiche Schiff fährt dann mit deutlich weniger Treibstoff, während Personal-, Schiffs- und Betriebskosten weiter anfallen. Für dieselbe Gesamtmenge sind mehr Fahrten oder alternative Transportmittel nötig.
Im Sommer 2026 ist genau dies wieder ein Thema. Die Wirtschaftliche Landesversorgung meldete Ende August wegen der anhaltenden Trockenperiode stark eingeschränkte Transportkapazitäten auf dem Rhein. Die Versorgung mit Mineralölprodukten bleibt für September zwar gesichert, unter anderem dank zusätzlichen Bahnimporten, vorhandenen Beständen und der Raffinerie Cressier. Billiger wird die Logistik dadurch aber nicht automatisch.
Wie stark solche Effekte ausfallen können, zeigte bereits der Juli. Die Frachttarife auf dem Rhein waren innert kurzer Zeit massiv gestiegen. Ein Belmedia-Beitrag erklärt ausführlich, warum Benzin und Diesel wegen Raffinerieproblemen, geopolitischer Spannungen und höherer Transportkosten teurer wurden.
Was der Staat pro Liter kassiert
Ein grosser Teil des Zapfsäulenpreises besteht aus festen staatlichen Belastungen. Die aktuellen Zahlen des Bundesamts für Zoll und Grenzsicherheit zeigen für Juli 2026 ein sehr klares Bild.
Bei Bleifrei 95 und Bleifrei 98 beträgt die Mineralölsteuer 45.30 Rappen pro Liter. Hinzu kommt ein Mineralölsteuerzuschlag von 31.52 Rappen. Zusammen sind das 76.82 Rappen pro Liter – unabhängig davon, ob Benzin an der Tankstelle 1.60, 1.90 oder 2.10 Franken kostet.
Bei Diesel ist die feste Belastung noch etwas höher: 48.11 Rappen Mineralölsteuer plus 31.46 Rappen Mineralölsteuerzuschlag ergeben 79.57 Rappen pro Liter.
Hinzu kommt die Mehrwertsteuer. Sie beträgt 8.1 Prozent und steckt bereits im angeschriebenen Endpreis. Beim offiziellen durchschnittlichen Benzinpreis von 1.84 Franken im Juli 2026 entsprach die enthaltene Mehrwertsteuer rund 13.79 Rappen pro Liter.
Zusammen mit kleineren weiteren Belastungen lag die gesamte fiskalische und weitere ausgewiesene Belastung bei Bleifrei 95 im Juli bei rund 90.69 Rappen pro Liter. Bei diesem Preisbeispiel bestand damit fast die Hälfte des bezahlten Literpreises aus Steuern und Abgaben.
Keine CO₂-Abgabe auf Benzin und Diesel
Hier gibt es häufig ein Missverständnis. Die eigentliche Schweizer CO₂-Abgabe wird auf fossile Brennstoffe wie Heizöl oder Erdgas erhoben, nicht auf Benzin und Diesel, die als Treibstoff verwendet werden.
Für fossile Treibstoffe besteht aber eine separate CO₂-Kompensationspflicht. Unternehmen, die Benzin und Diesel in Verkehr bringen, müssen einen Teil der beim Verbrauch entstehenden Emissionen durch Klimaschutzprojekte kompensieren.
2026 beträgt der vorgeschriebene Kompensationssatz 30 Prozent. Die daraus entstehenden Kosten dürfen bis zu einer gesetzlich begrenzten Höhe an die Kundschaft weitergegeben werden. Aktuell liegt diese Obergrenze bei fünf Rappen pro Liter.
Das ist also ein Kostenfaktor des Treibstoffs, aber nicht dasselbe wie die CO₂-Abgabe auf Brennstoffe.
Was bleibt für Einkauf, Transport und Tankstelle?
Zieht man Steuern und Abgaben vom Endpreis ab, bleibt der Teil, aus dem die gesamte wirtschaftliche Kette bezahlt werden muss: Einkauf des fertigen Produkts oder Rohöls, Raffination, Transport, Lagerung, Finanzierung, Vertrieb und der Betrieb der Tankstelle.
Dieser Rest ist keineswegs gleichbedeutend mit dem Gewinn der Tankstelle. Eine Station muss Grundstück oder Miete, Personal, Strom, Kartengebühren, Wartung, Sicherheit, Reinigung, technische Anlagen und je nach Geschäftsmodell weitere Kosten tragen.
Auch Markenunternehmen, freie Tankstellen, Autobahnraststätten und Tankstellen bei Einkaufszentren arbeiten mit unterschiedlichen Kostenmodellen. Einige verdienen einen bedeutenden Teil ihres Geldes über Shop, Waschanlage oder Gastronomie und können beim Treibstoff aggressiver kalkulieren. Andere Standorte haben hohe Grundstücks- und Betriebskosten.
Darum kostet Benzin nicht überall gleich viel
In der Schweiz gibt es keine staatlich festgelegten Tankstellenpreise. Die Anbieter setzen ihre Endpreise selbst. Der Preisüberwacher weist darauf hin, dass das Land über ein sehr dichtes Netz von mehr als 3’000 Tankstellen verfügt. Wettbewerb und Preistransparenz spielen deshalb eine wichtige Rolle.
Eine Tankstelle an einer stark befahrenen Autobahn kann einen anderen Preis verlangen als eine Automatentankstelle in einem Industriegebiet. Im Grenzgebiet beeinflussen zudem die Preise im benachbarten Ausland die Konkurrenz. Auch lokale Anbieter reagieren aufeinander.
Deshalb können innerhalb weniger Kilometer Unterschiede von zehn Rappen oder mehr auftreten, obwohl die Mineralölsteuer überall gleich hoch ist. Wer 50 Liter tankt, spart bei zehn Rappen Differenz bereits fünf Franken.
Warum der Benzinpreis nicht sofort dem Ölpreis folgt
Besonders häufig entsteht die Frage, weshalb ein fallender Rohölpreis nicht sofort auf der Preistafel der Tankstelle sichtbar wird. Der Grund liegt darin, dass mehrere Zeitachsen gleichzeitig laufen.
Importeure kaufen Produkte zu unterschiedlichen Zeitpunkten ein. Tanklager enthalten Ware, die zu früheren Preisen beschafft wurde. Raffinerie- und Grosshandelspreise verändern sich fortlaufend. Hinzu kommen Wechselkurse, Frachtkosten und die individuelle Preisstrategie des jeweiligen Anbieters.
Ein fallender Brent-Preis ist daher lediglich ein Signal unter mehreren. Wenn gleichzeitig Diesel in Europa knapp bleibt, der Dollar stärker wird oder der Rhein nur eingeschränkt befahrbar ist, kann der Schweizer Endpreis trotz tieferem Rohölpreis hoch bleiben.
Umgekehrt können erwartete Engpässe die Grosshandelspreise bereits steigen lassen, bevor physisch tatsächlich weniger Treibstoff vorhanden ist. Märkte handeln nicht nur die aktuelle Lage, sondern auch Erwartungen über die kommenden Wochen und Monate.
Warum Diesel zeitweise deutlich teurer ist
Diesel und Benzin stammen zwar beide aus Erdöl, sind aber unterschiedliche Produkte mit jeweils eigenem Markt. Deshalb bewegen sich ihre Preise nicht zwingend parallel.
Die feste Steuerbelastung von Diesel liegt in der Schweiz etwas höher als jene von Benzin. Zusätzlich hängt der Dieselpreis stark von der europäischen Nachfrage nach sogenannten Mitteldestillaten ab. Lastwagen, Lieferverkehr, Landwirtschaft und zahlreiche gewerbliche Anwendungen benötigen Diesel.
Raffinerien können ihre Produktion zudem nicht beliebig von heute auf morgen zwischen Benzin und Diesel verschieben. Wenn Diesel am europäischen Markt knapp ist, kann der Abstand zu Benzin deshalb deutlich wachsen. Genau das war 2026 zeitweise zu beobachten.
Pflichtlager sichern Mengen – nicht billige Preise
Die Schweiz hält für wichtige Mineralölprodukte Pflichtlager. Sie dienen dazu, die Versorgung im Fall einer schweren Störung zu stabilisieren. Sie sind jedoch kein Instrument, mit dem der Bund den Benzinpreis künstlich senkt.
Die Wirtschaftliche Landesversorgung stellt ausdrücklich klar: Werden Pflichtlager freigegeben, kommt die Ware zu den jeweils aktuellen Marktpreisen in den normalen Vertrieb. Der Staat verkauft also nicht plötzlich verbilligtes Benzin an die Tankstellen.
Das Ziel ist Versorgungssicherheit. Erst wenn dem Markt tatsächlich Mengen fehlen, können Pflichtlager helfen, das Angebot zu stützen. Der Preis bildet sich trotzdem weiterhin nach den üblichen Marktmechanismen.
Was Autofahrer selbst beeinflussen können
Den Weltmarktpreis, den Dollarkurs oder den Rheinpegel kann niemand an der Zapfsäule beeinflussen. Beim tatsächlich bezahlten Betrag gibt es trotzdem Spielraum.
Preisvergleiche können sich lohnen, besonders wenn ohnehin mehrere Tankstellen auf der geplanten Route liegen. Ein grosser Umweg nur wegen weniger Rappen Preisunterschied kann dagegen einen Teil der Ersparnis sofort wieder verbrauchen.
Noch stärker wirkt langfristig der Verbrauch des Autos. Reifendruck, unnötiges Gewicht, hohe Geschwindigkeiten, häufiges starkes Beschleunigen und Bremsen oder ein dauerhaft sportlicher Fahrmodus erhöhen den Treibstoffbedarf.
Ein ausführlicher Belmedia-Ratgeber zeigt, wie sich beim Tanken und durch eine effizientere Fahrweise mehrere hundert Franken pro Jahr sparen lassen können.
Wer bestimmt den Preis an der Zapfsäule?
Am Ende bestimmt nicht der Bund den konkreten Preis, sondern der jeweilige Anbieter. Der Staat legt Steuern und gesetzliche Rahmenbedingungen fest, greift aber nicht täglich in die Preisbildung der Tankstellen ein.
Der Preisüberwacher beobachtet die Entwicklung und setzt insbesondere auf funktionierenden Wettbewerb und Transparenz. Für Konsumentinnen und Konsumenten bedeutet das: Unterschiedliche Preise sind grundsätzlich Teil dieses Wettbewerbs.
Auch eine Versorgungsstörung führt nicht automatisch zu staatlich festgelegten Preisen. Selbst wenn Pflichtlager eingesetzt werden müssten, würde der Treibstoff weiterhin über die üblichen Marktkanäle und zu aktuellen Marktpreisen verteilt.
Der Preis an der Säule ist das Ende einer langen Kette
Ein Liter Benzin hat deshalb keinen einzigen «Herstellungspreis», auf den die Tankstelle einfach einen Gewinn aufschlägt. Der Endpreis ist das Resultat einer internationalen und nationalen Kette.
Am Anfang stehen Rohöl und vor allem die Preise für fertige Mineralölprodukte. Danach folgen Raffineriekapazität, Dollar-Franken-Kurs, Transport und Lagerung. In der Schweiz kommen fixe Mineralölsteuern, Mehrwertsteuer, kleinere Abgaben und Kosten aus der CO₂-Kompensation hinzu. Am Ende entscheiden Vertriebskosten, Standort und Wettbewerb darüber, welche Zahl tatsächlich auf der Preistafel erscheint.
Der Sommer 2026 liefert dafür ein besonders anschauliches Beispiel. Obwohl die Versorgung der Schweiz gesichert bleibt, treffen gleichzeitig geopolitische Unsicherheit, eingeschränkte Raffineriekapazitäten und Niedrigwasser auf dem Rhein zusammen. Genau solche Kombinationen können den Literpreis rasch nach oben bewegen.
Wer beim nächsten Tankstopp also 1.98 Franken für einen Liter Bleifrei 95 sieht, bezahlt nicht einfach «Öl». In diesem Betrag stecken Weltmarkt, Dollar, Raffinerie, Rheinschiff, Tanklager, Lastwagen, Pflichtlager, Staat und Tankstelle zugleich. Erst das Zusammenspiel all dieser Faktoren erklärt, warum sich der Benzinpreis so bewegt, wie er es tut.
Quelle: belmedia-Redaktion
Bildquelle: Symbolbild – Titelbild – KI-generiert
