Arbeiten wir in der Schweiz zu viel?
von belmedia Redaktion -schweizweit Allgemein Alltag Arbeitswelt Beruf Beschäftigung Bildung & Arbeit Business Business business24.ch businessaktuell.ch familie.ch Magazine nachrichtenticker.ch Orte Regionen Schweiz Schweiz Städte Themen Verbreitung Wirtschaft
Früh aufstehen, zuverlässig sein, Leistung bringen, Termine einhalten und die Arbeit ordentlich erledigen: In der Schweiz besitzt der Beruf einen aussergewöhnlich hohen Stellenwert. Daraus entsteht schnell der Eindruck, wir würden nicht arbeiten, um zu leben, sondern leben, um zu arbeiten. Doch dieses Bild greift zu kurz.
Die Schweiz arbeitet viel – vor allem aber arbeitet ein sehr grosser Teil der Bevölkerung überhaupt. Gleichzeitig gehören Teilzeit, flexible Arbeitsmodelle und eine hohe Arbeitszufriedenheit längst zur Realität. Und Arbeit muss keineswegs der Gegner eines guten Lebens sein. Wenn sie sinnvoll ist, Anerkennung bringt, soziale Kontakte ermöglicht und zum eigenen Können passt, kann sie sogar eine wichtige Quelle von Zufriedenheit, Stabilität und Wohlbefinden sein.
Die Frage klingt zunächst provokativ: Leben wir in der Schweiz, um zu arbeiten?
Viele kennen dieses Gefühl. Man fragt jemanden, wie es ihm geht, und nach wenigen Sätzen landet das Gespräch beim Beruf. Man trifft Bekannte am Wochenende, und irgendwann geht es um Projekte, Kunden, Schichten, Termine oder das Geschäft. Wer stark beschäftigt ist, wirkt nicht automatisch bemitleidenswert. Im Gegenteil: Arbeit, Verantwortung und Leistungsbereitschaft besitzen in der Schweiz häufig einen positiven gesellschaftlichen Klang.
Das ist nicht bloss Einbildung. Arbeit ist hierzulande tatsächlich tief in der gesellschaftlichen Struktur verankert. Aber die Geschichte dahinter ist wesentlich interessanter als die einfache Behauptung, Schweizerinnen und Schweizer würden besonders gerne möglichst lange im Büro sitzen.
Die Schweiz ist vor allem ein Land mit hoher Erwerbsbeteiligung
Ein erster Blick auf die Statistik verändert die Perspektive. 2025 wurden in der Schweiz insgesamt rund 8,1 Milliarden Arbeitsstunden geleistet. Vollzeitarbeitnehmende kamen im Durchschnitt auf rund 40 Stunden effektive Arbeitszeit pro Woche.
Das ist viel Lebenszeit. Trotzdem wäre es falsch, daraus zu schliessen, die Schweiz bestehe aus Menschen, die ausschliesslich für ihren Beruf leben.
Ein wesentlicher Grund für das sichtbare Gewicht der Arbeit ist vielmehr, dass ein sehr grosser Teil der Bevölkerung am Erwerbsleben teilnimmt. Die standardisierte Erwerbsquote der Schweiz gehört im europäischen Vergleich zu den höchsten. Viele Menschen haben einen Beruf, in zahlreichen Familien sind beide Partner erwerbstätig, und auch ältere Personen bleiben teilweise länger im Berufsleben.
Arbeit ist dadurch im Schweizer Alltag allgegenwärtig. Sie bestimmt Tagesabläufe, Pendlerströme, Familienorganisation und einen beträchtlichen Teil unserer sozialen Kontakte.
Schon Jugendliche werden früh Teil der Arbeitswelt
Eine Schweizer Besonderheit spielt dabei eine wichtige Rolle: die Berufsbildung.
Rund zwei Drittel der Jugendlichen absolvieren nach der obligatorischen Schule eine berufliche Grundbildung. Eine Lehre bedeutet nicht, jahrelang ausschliesslich im Klassenzimmer auf das spätere Berufsleben vorbereitet zu werden. Theorie und betriebliche Praxis beginnen gleichzeitig.
Ein 16-jähriger Lernender gehört bereits zu einem Unternehmen. Er hat Arbeitszeiten, Vorgesetzte, Kolleginnen und Kollegen, erhält einen Lohn und übernimmt – selbstverständlich seinem Ausbildungsstand entsprechend – Verantwortung.
Das prägt.
Berufliche Tätigkeit wird dadurch relativ früh als normaler Teil des Erwachsenenlebens erlebt. Arbeiten bedeutet nicht nur Geldverdienen. Es bedeutet auch, etwas zu können.
Diese Verbindung von Beruf und Können ist für das Verständnis der Schweizer Arbeitskultur zentral. Wer eine Ausbildung als Polymechanikerin, Schreiner, Pflegefachperson, Informatikerin, Koch, Elektronikerin oder Kaufmann absolviert, entwickelt häufig auch eine fachliche Identität. Wie gefragt solche praxisnahen Berufswege weiterhin sind, zeigt auch der Überblick über zukunftssichere und gefragte Handwerksberufe in der Schweiz.
Die Frage «Was arbeitest du?» bedeutet dann nicht lediglich «Woher kommt dein Einkommen?». Sie kann ebenso bedeuten: «Was kannst du?»
Arbeit und Identität liegen deshalb nahe beieinander
Das erklärt, weshalb berufliche Leistung in der Schweiz oftmals stärker mit persönlichem Selbstverständnis verbunden ist, als es von aussen vielleicht erscheint.
Ein guter Handwerker ist stolz auf eine saubere Arbeit. Eine Pflegefachperson darauf, einen schwierigen Dienst gut gemeistert zu haben. Eine Unternehmerin auf ein funktionierendes Geschäft. Ein Lokführer auf Zuverlässigkeit. Eine Verkäuferin auf Stammkunden, die ihretwegen zurückkommen.
Das muss nichts Negatives sein.
Menschen wollen nicht ausschliesslich konsumieren und Freizeit haben. Die meisten möchten auch gebraucht werden, etwas lernen, Fortschritte erkennen und erleben, dass ihr eigenes Handeln eine Wirkung besitzt.
Genau deshalb ist die häufig gezogene Trennlinie zwischen «Leben» und «Arbeit» manchmal künstlich.
Arbeit ist Lebenszeit. Die entscheidende Frage lautet deshalb weniger, ob wir arbeiten, sondern wie wir diese Zeit erleben.
Das Klischee von der permanent arbeitenden Schweiz stimmt nur teilweise
Ein besonders interessantes Gegenargument liefert die Teilzeitarbeit.
2024 arbeiteten in der Schweiz rund 38,7 Prozent der Erwerbstätigen Teilzeit. Im europäischen Vergleich weist die Schweiz damit eine ausgesprochen hohe Teilzeitquote auf.
Bei Frauen ist Teilzeitarbeit wesentlich stärker verbreitet als bei Männern. Doch auch bei Männern hat sie über die vergangenen Jahrzehnte deutlich zugenommen.
Das ist mit dem Bild einer Gesellschaft, in der grundsätzlich jeder möglichst viel arbeiten möchte, kaum vereinbar.
Vielmehr zeigt es eine Besonderheit des Schweizer Modells: Die Beteiligung am Erwerbsleben ist hoch, gleichzeitig wird die Arbeitszeit zunehmend individuell verteilt.
Auch flexible Arbeitszeiten gewinnen an Bedeutung. Homeoffice, Jahresarbeitszeit, Teilzeitmodelle und andere Formen der Arbeitsorganisation haben die starre Vorstellung vom klassischen Fünftagebüro verändert. Wie weit dieser Wandel inzwischen reicht, zeigt auch die Entwicklung von New Work, hybrider Arbeit und flexibleren Arbeitsmodellen in Schweizer Unternehmen.
Die Entwicklung geht damit nicht einfach Richtung «mehr Arbeit», sondern auch Richtung einer stärkeren Verbindung von Arbeit und persönlicher Lebensgestaltung.
Woher kommt trotzdem das Gefühl von ständigem Leistungsdruck?
Ein Grund dürfte in der Art liegen, wie in der Schweiz gearbeitet wird.
Die Wirtschaft des Landes ist in vielen Bereichen auf Qualität, Zuverlässigkeit und hohe Wertschöpfung angewiesen. Pharmaindustrie, Maschinenbau, Medizintechnik, Finanzdienstleistungen, Präzisionsindustrie, Bau, Tourismus oder hochwertige Dienstleistungen können nicht allein über niedrige Preise konkurrieren. Fachwissen, Produktivität und Verlässlichkeit sind entscheidend.
Entsprechend hoch sind häufig die Erwartungen.
Ein Termin ist nicht ungefähr am Dienstag. Er ist am Dienstag.
Eine Rechnung sollte stimmen. Eine Maschine sollte funktionieren. Ein Zug sollte fahren. Eine Bestellung sollte geliefert werden. Eine Baustelle sollte nach Plan vorankommen.
Diese Haltung trägt zum Wohlstand bei – kann aber gleichzeitig Druck erzeugen.
Die Schweizer Arbeitskultur ist deshalb nicht unbedingt dadurch besonders, dass alle Menschen unendlich viele Stunden arbeiten. Auffälliger ist der hohe Anspruch an die Stunden, die gearbeitet werden.
Auch der hohe Lebensstandard spielt eine Rolle
Hinzu kommt ein einfacher wirtschaftlicher Zusammenhang. Die Schweiz gehört zu den wohlhabendsten Ländern der Welt, gleichzeitig ist das Leben teuer.
Wohnraum, Krankenkassenprämien, Kinderbetreuung, Dienstleistungen und zahlreiche alltägliche Ausgaben belasten Haushalte erheblich. Ein gutes Einkommen schafft entsprechend viel Freiheit.
Arbeit ist deshalb für viele Menschen nicht nur eine Verpflichtung, sondern die Grundlage jener Lebensqualität, die sie schätzen: eine gute Wohnung, Ferien, Hobbys, Mobilität, finanzielle Sicherheit oder die Möglichkeit, den eigenen Kindern Chancen zu bieten.
Der Zusammenhang zwischen Arbeit und Lebensstandard ist im Alltag unmittelbar sichtbar.
Dadurch kann eine interessante Dynamik entstehen: Man arbeitet viel, um ein gutes Leben zu ermöglichen – und irgendwann kann der Aufwand dafür so selbstverständlich werden, dass man sich fragt, ob das gute Leben nicht eigentlich permanent von der Arbeit besetzt wird.
Genau an diesem Punkt braucht es Differenzierung.
Freude an der Arbeit ist etwas völlig anderes als Arbeitssucht
Wer gerne arbeitet, ist nicht automatisch ein Workaholic.
Diese Unterscheidung ist entscheidend.
Problematisches Arbeitsverhalten ist von einem inneren Zwang geprägt. Menschen können kaum abschalten, erleben Schuldgefühle beim Nichtstun oder arbeiten weiter, obwohl Gesundheit, Beziehungen und Erholung bereits darunter leiden.
Arbeitsfreude funktioniert anders.
Ein engagierter Mensch kann intensiv arbeiten und trotzdem nach Feierabend abschalten. Er kann Verantwortung übernehmen und gleichzeitig Ferien geniessen. Er kann stolz auf seinen Beruf sein, ohne seinen gesamten persönlichen Wert daraus abzuleiten.
Gesunde Arbeitsfreude besitzt deshalb immer einen Gegenpol: Erholung.
Gute Arbeit kann dem Menschen tatsächlich guttun
Diese positive Seite von Arbeit wird in öffentlichen Diskussionen manchmal unterschätzt.
Gute Arbeit kann Tagesstruktur geben, soziale Beziehungen schaffen, wirtschaftliche Unabhängigkeit ermöglichen und das Gefühl vermitteln, gebraucht zu werden. Sie bietet Gelegenheit, Fähigkeiten einzusetzen, Neues zu lernen und Fortschritte unmittelbar zu erleben.
Die Weltgesundheitsorganisation weist ausdrücklich darauf hin, dass gute Arbeit die psychische Gesundheit unterstützen kann. Auch das Staatssekretariat für Wirtschaft betont, dass gute Arbeitsbedingungen und berufliche Erfolge Quellen von körperlichem und psychischem Wohlbefinden sein können.
Ein Mensch, der morgens weiss, weshalb er aufsteht, eine Aufgabe besitzt, von anderen gebraucht wird und am Abend etwas abgeschlossen hat, erhält aus seinem Beruf Dinge, die Geld allein nicht erklären kann.
Arbeit strukturiert Zeit.
Sie schafft Begegnungen.
Sie fordert Fähigkeiten.
Sie ermöglicht Lernen.
Und sie kann regelmässig kleine Erfolgserlebnisse liefern.
Das Gefühl, etwas geschafft zu haben, ist wertvoll
Menschen reagieren positiv auf erkennbaren Fortschritt.
Ein Schreiner betrachtet am Abend ein fertiges Möbelstück. Eine Ärztin weiss, dass ein Patient gut versorgt wurde. Ein Programmierer löst ein Problem, an dem er Stunden gearbeitet hat. Eine Reinigungskraft sieht unmittelbar das Ergebnis ihrer Arbeit.
Solche Erfahrungen erzeugen Selbstwirksamkeit: das Gefühl, mit den eigenen Fähigkeiten tatsächlich etwas verändern zu können.
Eine Tätigkeit muss dafür nicht glamourös sein.
Entscheidend ist vielmehr, ob jemand den Sinn seiner Aufgabe versteht und erlebt, dass die eigene Arbeit einen Unterschied macht.
Gerade das Handwerk zeigt diesen Zusammenhang besonders unmittelbar. Am Morgen liegen Holz, Metall oder andere Materialien bereit. Am Abend existiert etwas, das vorher nicht da war.
Zwischen Ausgangsmaterial und Ergebnis liegt das eigene Können.
Das erzeugt eine Form von Zufriedenheit, die sich kaum über reine Entlöhnung erklären lässt. Erfahrung, Präzision und Konzentration werden sichtbar. Fehler lassen sich erkennen, Verbesserungen unmittelbar nachvollziehen.
Aber auch weniger sichtbare Berufe können dasselbe Gefühl vermitteln. Wer ein schwieriges Gespräch gut geführt, eine komplexe Analyse abgeschlossen oder einer anderen Person konkret geholfen hat, erlebt ebenfalls Wirkung.
Die Schweizer sind mit ihrer Arbeit erstaunlich häufig zufrieden
Die Schweizerische Gesundheitsbefragung liefert dazu einen wichtigen Befund.
2022 gaben rund 83 Prozent der Erwerbstätigen an, mit ihrer Arbeit zufrieden zu sein.
Das passt schlecht zu einer Erzählung, wonach die Schweizer Arbeitswelt grundsätzlich nur aus Überforderung und Frust bestehe.
Natürlich bedeutet eine hohe durchschnittliche Zufriedenheit nicht, dass alle Arbeitsplätze gut sind. Aber sie zeigt, dass Arbeit für einen grossen Teil der Bevölkerung eben nicht ausschliesslich als notwendiges Übel erlebt wird.
Viele Menschen mögen ihren Beruf.
Und das ist für eine Gesellschaft etwas sehr Positives.
Problematisch wird Arbeit, wenn Belastungen und Ressourcen auseinanderfallen
Die Kehrseite darf allerdings nicht ausgeblendet werden.
Dieselbe Gesundheitsbefragung zeigte, dass ein erheblicher Teil der Erwerbstätigen häufig Stress erlebt und sich teilweise emotional erschöpft fühlt.
Das zeigt sehr deutlich, worum es bei gesunder Arbeit wirklich geht.
Nicht Arbeit an sich macht krank.
Problematisch werden Bedingungen wie permanenter Zeitdruck, fehlende Kontrolle über die eigene Tätigkeit, Konflikte, mangelnde Anerkennung, unklare Erwartungen, dauernde Erreichbarkeit oder das Gefühl, trotz grossem Einsatz niemals fertig zu werden.
Genau solche Faktoren gehören zu den psychosozialen Risiken am Arbeitsplatz.
Ein anspruchsvoller Arbeitstag ist nicht automatisch schädlicher Stress
Auch hier lohnt sich eine klare Unterscheidung.
Es gibt Tage, an denen man nach Hause kommt und müde ist – aber zufrieden.
Und es gibt Tage, nach denen man erschöpft ist und sich gleichzeitig leer fühlt.
Beides ist nicht dasselbe.
Anstrengung kann positiv erlebt werden, wenn wir Kontrolle besitzen, den Sinn erkennen, Unterstützung erhalten und genügend Ressourcen zur Verfügung haben. Ein schwieriges Projekt, das gelingt, kann enorm befriedigend sein.
Belastung wird dagegen problematisch, wenn sie dauerhaft keine Erholung erlaubt.
Genau deshalb sind Erholungsphasen keine Nebensache. Kann sich ein Mensch nach einem anspruchsvollen Arbeitstag ausreichend regenerieren, muss eine hohe Belastung nicht automatisch gesundheitsschädlich sein. Bleibt diese Regeneration über längere Zeit aus, werden körperliche und psychische Ressourcen dagegen immer weiter aufgebraucht.
Feierabend ist deshalb kein Gegensatz zur Leistung
Eine leistungsorientierte Gesellschaft sollte Erholung nicht als Faulheit betrachten.
Im Gegenteil: Erholung ist Teil nachhaltiger Leistungsfähigkeit.
Schlaf, Bewegung, soziale Kontakte, Familienzeit, Natur, Hobbys und schlicht Phasen ohne Verpflichtungen erfüllen eine wichtige Funktion.
Die langfristig leistungsfähigste Person ist nicht zwingend jene, die permanent erreichbar ist. Leistungsfähig bleibt vielmehr, wer Belastung und Regeneration miteinander verbinden kann.
Gerade die Schweiz bietet dafür einen interessanten Kontrast. Auf engem Raum liegen hochproduktive Wirtschaftsstandorte und Erholungsräume unmittelbar nebeneinander. Nach einem Arbeitstag sind See, Wald, Berge, Sportanlagen oder Spazierwege für viele Menschen relativ schnell erreichbar.
Das allein garantiert natürlich keine Work-Life-Balance. Aber es zeigt, dass ein leistungsorientiertes Berufsleben und intensive Freizeit keine Gegensätze sein müssen.
Wer gerne arbeitet, darf ebenso gerne Feierabend machen.
Mehr Arbeitsstunden bedeuten nicht automatisch mehr Zufriedenheit
Internationale Untersuchungen zeigen, dass besonders lange Arbeitszeiten nicht automatisch mit höherer Zufriedenheit verbunden sind.
Gerade ab sehr hohen Wochenarbeitszeiten können Jobzufriedenheit, Lebenszufriedenheit und Freizeitqualität leiden.
Noch wichtiger ist allerdings ein anderer Zusammenhang: Problematisch kann es werden, wenn die tatsächliche Arbeitszeit deutlich von jener abweicht, die Menschen selbst gerne hätten.
Autonomie spielt also eine grosse Rolle.
Wer freiwillig ein grosses Pensum arbeitet und seine Tätigkeit liebt, erlebt dieselbe Arbeitszeit möglicherweise vollkommen anders als jemand, der eigentlich reduzieren möchte, wirtschaftlich aber keine Wahl besitzt.
Die Zukunft der Schweizer Arbeitskultur verändert sich bereits
Die Entwicklung der vergangenen Jahre deutet darauf hin.
Teilzeit nimmt zu.
Flexible Arbeitszeiten nehmen zu.
Homeoffice hat sich in vielen Berufen etabliert.
Jüngere Generationen sprechen offener über Freizeit, Gesundheit und persönliche Prioritäten.
Gleichzeitig verschwindet die Leistungsorientierung keineswegs.
Und vielleicht muss sie das auch gar nicht.
Die interessante Zukunftsfrage lautet nicht: Wie schaffen wir es, möglichst wenig zu arbeiten?
Sie lautet: Wie schaffen wir es, gerne und gut zu arbeiten, ohne dass Arbeit alles andere verdrängt?
Freude an Leistung darf etwas Positives bleiben
In Diskussionen über Work-Life-Balance entsteht manchmal der Eindruck, Arbeit sei grundsätzlich jener Teil des Tages, den man reduzieren müsse, damit das eigentliche Leben beginnen könne.
Für Menschen, die ihre Tätigkeit gerne ausüben, stimmt das schlicht nicht.
Eine Unternehmerin kann Freude daran haben, ihre Firma aufzubauen. Ein Bergbauer an seinem Betrieb. Eine Journalistin an einer guten Geschichte. Ein Mechaniker an einer perfekt reparierten Maschine.
Diese Freude muss nicht entschuldigt werden.
Arbeit kann Kreativität sein. Arbeit kann Verantwortung sein. Arbeit kann Gemeinschaft sein. Arbeit kann sogar Leidenschaft sein.
Entscheidend ist lediglich, dass Leidenschaft nicht in Zwang umschlägt.
Ein gutes Arbeitsleben braucht mehr als einen guten Lohn
Forschung zu Arbeitsbedingungen weist immer wieder auf ähnliche Schutzfaktoren hin.
Menschen brauchen einen gewissen Einfluss auf ihre Tätigkeit. Sie möchten verstehen, weshalb sie etwas tun. Sie benötigen Anerkennung und faire Behandlung. Gute Beziehungen zu Kolleginnen, Kollegen und Vorgesetzten helfen. Und schliesslich muss die Belastung so gestaltet sein, dass Erholung möglich bleibt.
Wie wichtig diese Faktoren tatsächlich geworden sind, zeigt auch eine aktuelle Auswertung zu Wertschätzung, Unternehmenskultur, Flexibilität und den Wechselmotiven Schweizer Fachkräfte.
Das klingt einfach, ist aber wahrscheinlich wichtiger als viele komplizierte Motivationsprogramme.
Wer morgens gerne zur Arbeit kommt, weil er sein Team mag, seine Aufgabe beherrscht und das Ergebnis seiner Tätigkeit erkennt, benötigt keinen Motivationsspruch an der Bürowand.
Die Schweiz lebt nicht nur für die Arbeit
Die nüchterne Betrachtung widerspricht deshalb dem Klischee.
Ja, Arbeit besitzt hierzulande einen hohen Stellenwert.
Ja, die Erwerbsbeteiligung ist aussergewöhnlich hoch.
Ja, Zuverlässigkeit, Leistung und beruflicher Erfolg haben gesellschaftliches Gewicht.
Doch gleichzeitig ist Teilzeitarbeit stark verbreitet, flexible Arbeitsmodelle nehmen zu und eine grosse Mehrheit der Erwerbstätigen ist mit ihrer Tätigkeit zufrieden.
Die Schweiz ist deshalb weniger ein Land, das «lebt, um zu arbeiten», als ein Land, in dem Arbeit traditionell stark zum Leben dazugehört.
Das ist ein bedeutender Unterschied.
Das Ziel kann nicht eine Gesellschaft ohne Anstrengung sein
Eine Gesellschaft braucht Menschen, die etwas leisten wollen.
Sie braucht Pflegefachkräfte, Handwerker, Unternehmerinnen, Lehrpersonen, Forschende, Chauffeure, Polizistinnen, Informatiker, Verkäuferinnen und Tausende weitere Berufe.
Dass Menschen Freude daran haben, ihre Arbeit gut zu machen, ist keine Fehlentwicklung.
Es ist eine Ressource.
Problematisch wird es erst, wenn Leistung zum einzigen Massstab für menschlichen Wert wird oder wenn permanente Erreichbarkeit als Beweis von Engagement gilt.
Gesunde Arbeitskultur bedeutet deshalb nicht, weniger ehrgeizig zu sein.
Sie bedeutet, Ehrgeiz langfristig tragfähig zu machen.
Vielleicht sollten wir die Frage deshalb anders stellen
Nicht: Leben wir, um zu arbeiten?
Sondern: Ist unsere Arbeit ein guter Teil unseres Lebens?
Wer diese Frage mit Ja beantworten kann, besitzt etwas Wertvolles.
Ein Beruf, auf den man sich zumindest meistens freut, gibt dem Alltag Struktur und Bedeutung. Er ermöglicht wirtschaftliche Unabhängigkeit, soziale Kontakte, persönliche Entwicklung und das Gefühl, gebraucht zu werden.
Und danach darf man nach Hause gehen.
Zu Familie und Freunden. Zum Hund. Zum Sport. In die Berge. An den See. Auf das Sofa. In den Garten. Oder einfach irgendwohin, wo niemand etwas von einem will.
Beides gehört zusammen.
Eine gesunde Gesellschaft muss Arbeit nicht kleinreden. Sie darf stolz auf Leistung und Freude am Beruf sein. Sie muss lediglich darauf achten, dass der Mensch nicht für die Arbeit existiert, sondern gute Arbeit eine von mehreren Quellen eines erfüllten Lebens bleibt.
Quelle: belmedia-Redaktion
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