Wie Grafik Architektur ergänzt: Ausstellung zeigt die Kraft visueller Gestaltung
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Visuelle Kommunikation begleitet uns überall: auf Verpackungen, Plakaten, Briefmarken, Strassenschildern, Uhren, Inseraten oder in Leitsystemen. Anhand von Objekten aus der Sammlung des Schweizerischen Nationalmuseums wird in der Ausstellung sichtbar, dass Gestaltung weit mehr ist als Dekoration: Sie ordnet Informationen, schafft Orientierung, erzeugt Emotionen, vermittelt Werte und kann gesellschaftliche Vorstellungen festigen oder hinterfragen.
Der erste Teil der Ausstellung richtet den Blick auf die Wirkung von Gestaltung. Farben, Bilder und Schriften werden häufig schneller erfasst als Sprache und sprechen uns direkt an. Werbung nutzt diese Kraft gezielt: Sie inszeniert Produkte als begehrenswert und transportiert dabei Werte, Rollenbilder oder Vorstellungen davon, welche Körper als ideal gelten.
Historische Plakate und Inserate zeigen, wie Frauen lange als fürsorgliche Hausfrauen oder blosse Dekoration inszeniert wurden, während Männer häufiger als kompetent, aktiv oder dominant erscheinen. Solche Bilder prägen über Jahrzehnte hinweg, was als „normal“ gilt. Gleichzeitig macht die Ausstellung deutlich, dass Grafik auch ein Mittel sein kann, um solche Normen sichtbar zu machen und kritisch zu hinterfragen.
Der Plakatentwurf zeigt die Kombination von farbigem Papier, gedrucktem Blindtext und skizzierter Groteskschrift und nähert sich in Aufbau und Gestaltung dem späteren Endprodukt an. Siegfried Odermatt, Plakat, Design aus den Niederlanden, 1982, Offsetdruck & Papier, gezeichnet, geklebt. Schweizerisches Nationalmuseum
Ein weiterer Schwerpunkt liegt auf Gesundheit, Konsum und „Swissness“. Werbung für Tabak, Alkohol oder stark verarbeitete Lebensmittel stellte lange Genuss, Freiheit oder Überfluss in den Vordergrund, während Risiken ausgeblendet wurden. Auch nationale Identität wird grafisch erzeugt: Schweizerkreuz, Berge, Armbrust, Wilhelm Tell oder vertraute Markenauftritte übersetzen Werte wie Qualität, Präzision und Verlässlichkeit in einprägsame Bilder.
Die in vielen Quartierstrassen anzutreffende Tafel weist auf humorvolle Weise auf spielende Kinder hin. Der Entwurf auf Transparentfolie verdeutlicht den modularen Aufbau der verwendeten Piktogramme. Anne Eggmann, Hermann M. Eggmann, Piktogrammentwurf, Kinder im Strassenverkehr, 1982. Schweizerisches Nationalmuseum
Der sogenannte „Swiss Style“ mit klaren Rastern, Groteskschriften und funktionaler Gestaltung wurde international zu einem Markenzeichen moderner Schweizer Grafik. Zugleich thematisiert die Ausstellung kritisch den Blick auf „das Andere“: Exotisierende und rassistische Darstellungen zeigen, wie in visueller Gestaltung auch Machtverhältnisse, Stereotype und westliche Perspektiven reproduziert werden können.
Rosmarie Tissi gestaltet zahlreiche Schriften, von denen einige als Letraset-Abreibebuchstaben grosse Verbreitung finden. Auf ihren Reisen begegnet sie diesen Schriften selbst in den abgelegensten Regionen der Welt. Rosmarie Tissi, Schriftentwurf, Marabu, 1972, Kunststofffolie, Papier, Karton. Schweizerisches Nationalmuseum
Der zweite Teil führt in den Entstehungsprozess grafischer Gestaltung ein. Dabei wird deutlich, wie viel Beobachtung, Handwerk und Systematik hinter scheinbar einfachen visuellen Lösungen stehen.
Paul Brühwiler gestaltet ab 1973 zahlreiche Kulturplakate, unter anderem für das Filmpodium der Stadt Zürich. Als Vorlage für den Siebdruck dient ein Holzschnitt. Paul Brühwiler, Plakat, Filmpodium Zürich, Idol der 50er Jahre, Gérard Philipe, 1994, Siebdruck, Papier. Schweizerisches Nationalmuseum
Dieser Holzschnitt dient als Vorlage für das als Siebdruck umgesetzte Filmplakat und zeigt, wie verschiedene Drucktechniken auf dem Weg zum fertigen Plakat eine Rolle spielen. Paul Brühwiler, Vorlage, 1994, Holzschnitt, Japanpapier. Schweizerisches Nationalmuseum
Plakatentwürfe von Paul Brühwiler, Theo Ballmer oder Donald Brun zeigen die Suche nach dem passenden Motiv sowie nach Komposition, Technik und Ausdruck.
1975 wird Ruedi Külling erstmals zum Plakatwettbewerb der OLMA eingeladen. In seinen Entwürfen setzt er unterschiedliche Techniken ein und arbeitet mit Form und Farbe, um prägnante und einprägsame Sujets zu entwickeln. Ruedi Külling, Druckvorlage 1990, Papier. Schweizerisches Nationalmuseum
Bei Brühwilers Filmplakat für das Filmpodium Zürich dient ein Holzschnitt als Grundlage für den späteren Siebdruck. Die Entwurfsserie macht unterschiedliche gestalterische Herangehensweisen sichtbar. Auch Ruedi Küllings OLMA-Entwürfe oder Siegfried Odermatts Plakatentwurf „Design aus den Niederlanden“ zeigen, wie Formen, Farben, Papier, Schrift und Druckverfahren schrittweise zu einem prägnanten visuellen Auftritt verdichtet werden.
Werbung für Arzneimittel vermittelte in den 1940er-Jahren Schmerzlinderung als unkomplizierte Lösung. Das ist repräsentativ für eine Zeit, in der Pharma-Produkte noch wenig reguliert vermarktet werden. Donald Brun, Plakat, wieder vögeliwohl, 1944, Lithographie. Schweizerisches Nationalmuseum
Besonders anschaulich wird die Allgegenwart von Grafik in den Bereichen Signaletik, Corporate Design und Produktgestaltung. Orientierungssysteme wie jenes der EPFL oder die Signaletik des Monte Verità zeigen, wie typografische, farbliche und formale Elemente Räume strukturieren. Das Corporate Design der Stadt Luzern oder Entwürfe für Palexpo machen sichtbar, wie Logos, Manuale und Anwendungen eine wiedererkennbare Identität schaffen.
Die Darstellung erzeugt Assoziationen von Eleganz, Erfolg und Status und verknüpft diese mit den damaligen Vorstellungen von Männlichkeit. Hans Tomamichel, Plakatentwurf, PKZ, um 1929, Gouache, Papier. Schweizerisches Nationalmuseum
Auch Alltagsobjekte erzählen Designgeschichte: Die Swatch-Uhren von Robert & Durrer, darunter „Banana“, „Nautilus“ und „Jelly Fish“, verbinden grafische Muster, Farben und industrielle Produktion zu kleinen tragbaren Zeichen ihrer Zeit. Verpackungen wie Cementit oder Inserate für Schweppes, BiC und Akris zeigen, wie Wiedererkennung, Wortwitz, Reduktion oder fotografische Präzision zum Erfolg einer Marke beitragen.
Dieses Plakat von Ruedi Külling richtet sich an ein junges Publikum und bewirbt Sinalco als ein Symbol für Coolness und Geselligkeit. Diskussionen über den Zuckergehalt gewinnen erst ab den 2010er-Jahren an Bedeutung. Ruedi Külling, Plakat, 1972, Lithographie. Schweizerisches Nationalmuseum
Die Ausstellung macht damit erfahrbar, dass Grafik nicht am Rand des Alltags steht, sondern ihn wesentlich mitgestaltet. Sie beeinflusst, was wir sehen, kaufen, erinnern und glauben. Sie kann Orientierung geben, Vertrauen schaffen und Identität stiften, aber auch Klischees verstärken oder ausgrenzen. Indem „Grafik. Visuelle Gestaltung im Alltag“ historische Beispiele mit gestalterischen Prozessen verbindet, öffnet sie den Blick für eine visuelle Kultur, die uns täglich umgibt – und lädt dazu ein, genauer hinzusehen.
Quelle: Schweizerisches Nationalmuseum
Bildquelle: Schweizerisches Nationalmuseum, siehe Bildlegenden
