Indien: Warum langfristige Anleger jetzt genau hinschauen sollten
von belmedia Redaktion Allgemein Analysen & Trends Banken businessaktuell.ch Finanzen Finanzierung & Venture Capital Geschäftsmodelle der Zukunft Innovation Internationale Entwicklungen Investments KI & Automatisierung Konjunktur News Recht Software Technologie Wirtschaft Wirtschaftsrecht
„Zeit im Markt schlägt Market-Timing“ ist eine bekannte Anlageweisheit. Gerade bei grossen aufstrebenden Volkswirtschaften kann sich langfristiges Investieren deutlich mehr auszahlen als der Versuch, durch das Ausnutzen kurzfristiger Kursbewegungen Gewinne zu erzielen.
Der wirtschaftliche Aufstieg dieser Länder geht in der Regel mit dem Ausbau der Grundversorgungsinfrastruktur, Urbanisierung und der Entwicklung von einer landwirtschaftlich geprägten zu einer industrialisierten Wirtschaft mit einem starken Dienstleistungssektor einher.
Für derartige strukturelle Wachstumsstorys gibt es viele historische Beispiele – zum Beispiel die USA und Japan im vergangenen Jahrhundert oder China rund um die Jahrtausendwende. In allen drei Fällen konnten Aktienanleger, die vorausschauend und geduldig investierten, über die folgenden zehn Jahre hohe Überrenditen einstreichen.
Eine ähnliche Dynamik beobachten wir derzeit in Indien. Für einheimische Investoren ist diese Chance kaum zu übersehen: Wie dynamisch ihre Wirtschaft wächst, zeigt ein Blick auf die zahllosen Baukräne und neuen Wolkenkratzer, die überall aus dem Boden schiessen.
Ausländische Investoren haben die phänomenalen Renditen, die indische Aktien über die letzten 25 Jahre erzielt haben, jedoch weitgehend verpasst. Ihre Vorstellungen von Indien sind oft völlig überholt. Viele sind überrascht zu hören, dass das Land den Wettbewerber Japan schon 2025 hinter sich lassen und zur viertgrössten Volkswirtschaft der Welt aufsteigen wird.
Die Indien-Allokation ausländischer Anleger bewegt sich in der Regel im niedrigen einstelligen Bereich – viel zu wenig für einen der vier grössten Aktienmärkte der Welt. Man sollte meinen, dass die viertgrösste Volkswirtschaft der Welt eine entsprechend hohe Gewichtung in den Anlegerportfolios verdient, zumal keine andere grosse Volkswirtschaft derzeit so schnell wächst wie Indien, wo bis auf Weiteres mit einem BIP-Wachstum von rund 6,5% gerechnet wird.
Demografie als Wachstumsmotor
Hinter dieser aussergewöhnlichen Dynamik stehen langfristige strukturelle Kräfte, die kaum zu bremsen sind. „Demografie ist Schicksal“ heisst es oft. Wenn dem so ist, kann Indien mit einem Durchschnittsalter von knapp unter 30 Jahren – verglichen mit über 40 Jahren in westlichen Ländern – sehr zuversichtlich in die Zukunft blicken. Jedes Jahr treten etwa 7 bis 8 Millionen Inder in den Arbeitsmarkt ein, darunter etwa 1,5 Millionen studierte Ingenieure.
Die Probleme vieler westlicher Nationen, die sich aufgrund ihrer alternden Bevölkerung mit der düsteren Realität zunehmend unbezahlbarer Renten- und Gesundheitssysteme konfrontiert sehen, hat Indien nicht.
Ein wichtiger Indikator, der Indien von anderen Ländern unterscheidet, ist das Abhängigkeitsverhältnis, das die Anzahl der Personen im Alter von 65 Jahren und älter je 100 Personen im erwerbsfähigen Alter angibt. Es gibt Aufschluss darüber, wie hoch die potenzielle wirtschaftliche Belastung der Erwerbstätigenbevölkerung durch die Unterstützung älterer Menschen ist.
Während viele westliche Volkswirtschaften mit ausufernden Rentenkosten kämpfen, kann die indische Regierung in den Bau von Autobahnen und Flughäfen investieren und direkte Subventionen zur Förderung von Zukunftssektoren bereitstellen, um das Wachstum anzukurbeln.
Institutionelle Stärke und Reformdynamik
Für eine attraktive Anlagestory reicht eine positive demografische Entwicklung natürlich nicht aus. Obwohl das Durchschnittsalter in vielen afrikanischen Ländern sogar noch niedriger ist als in Indien, sind die Renditen an den dortigen Aktienmärkten deutlich weniger spektakulär.
Was Indien von anderen Ländern abhebt, sind seine Institutionen – eine demokratische Regierung, Rechtsstaatlichkeit sowie eine ausreichende Stabilität und Berechenbarkeit. Alle diese Faktoren ermöglichen es Unternehmen und Verbrauchern, zukunftsorientiert zu investieren.
Die Modi-Regierung hat in den letzten zehn Jahren einige wirklich bemerkenswerte Reformen durchgesetzt: von der Einführung einer landesweit einheitlichen Umsatzsteuer, die eine Vielzahl lokaler Steuern ersetzt hat, bis hin zum Aufbau einer digitalen öffentlichen Infrastruktur, die ihresgleichen sucht.
Systeme für digitale Identitäten und Zahlungen wie Aadhar und UPI haben ein schnelles und sicheres Kreditwachstum ermöglicht, da sie Kreditgebern die erforderliche Transparenz bieten, um Darlehen für den Bau neuer Eigenheime und die Finanzierung der Expansionspläne kleiner Unternehmen bereitzustellen.
Indien-Bild im Westen oft veraltet
Über positive Entwicklungen wie diese wird in den westlichen Medien eher wenig berichtet – schlechte Nachrichten verkaufen sich offenbar besser als gute. Infolgedessen ist das typische Indien-Bild im Westen um rund 20 Jahre veraltet und der indische Aktienmarkt wird fälschlicherweise als einer von vielen Schwellenmärkten betrachtet, an denen am besten taktisch investiert wird, um kurzfristige Kursbewegungen auszunutzen.
Die Erkenntnis, dass Anleger hier eine herausragende langfristige Wachstumsstory verpassen könnten, hat sich noch nicht durchgesetzt.
Langfristige Outperformance rechtfertigt Aufschlag
Am Markt heisst es häufig: „Indien ist im Vergleich zu anderen Schwellenländern teuer“. Ein kurzer Blick in die Vergangenheit zeigt, dass indische Aktien auch vor 25 Jahren mit einem Bewertungsaufschlag gegenüber Aktien anderer Schwellenländer notierten – und trotzdem höhere Renditen geliefert haben.
Über lange Zeiträume hängt die Aktienmarktrendite viel mehr von der Höhe und Beständigkeit des Gewinnwachstums ab als von kurzfristigen Bewertungskennzahlen. Durch ein oder zwei Jahre eines überdurchschnittlichen Gewinnwachstums kann aus einem 10- oder 20-prozentigen Aufschlag schnell ein Abschlag werden.
Wir halten die Indien-Prämie gegenüber anderen Emerging Markets für gerechtfertigt – durch das langfristige Wachstum der Unternehmensgewinne in Indien sowie durch die besondere geostrategische Positionierung des Landes.
Als grosse, keinem Bündnis verpflichtete Nation ist Indien stark genug, um seinen eigenen Weg zu gehen, und vom grössten Risiko, mit dem sich sowohl China als auch die USA in den nächsten Jahren konfrontiert sehen – der Taiwan-Frage – nicht betroffen.
Quelle: GREGOR COMMUNICATIONS/Avinash Vazirani und Colin Croft, Investment Managers, Indian Equities, bei Jupiter Asset Management
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