Anhaltende Inflation: Warum Preisauftrieb nicht rasch verschwindet

Ein Preisschub kann schnell entstehen und lange nachwirken. Selbst wenn Energie günstiger wird oder Lieferketten wieder funktionieren, verschwinden höhere Kosten nicht sofort aus der Wirtschaft. Unternehmen kalkulieren zu unterschiedlichen Zeitpunkten neu, Löhne reagieren verzögert und geldpolitische Massnahmen brauchen Zeit. Entscheidend ist deshalb, wie aus einzelnen Verteuerungen ein breiterer, anhaltender Preisauftrieb wird.

Dabei müssen zwei Entwicklungen auseinandergehalten werden: Eine sinkende Inflationsrate bedeutet langsamere Preissteigerungen. Sie stellt das frühere Preisniveau nicht automatisch wieder her. Gerade diese Unterscheidung erklärt, weshalb eine statistische Entspannung im Alltag oft zunächst wenig Entlastung bringt.

Langsamer steigende Preise bleiben höhere Preise

Inflation bezeichnet einen Anstieg des allgemeinen Preisniveaus. Nicht jede einzelne Ware muss dafür teurer werden: Sinkende Preise bestimmter Produkte können gleichzeitig mit steigenden Preisen anderer Güter und Dienstleistungen auftreten. Massgeblich ist die zusammengefasste Entwicklung unter Berücksichtigung der jeweiligen Ausgabenanteile. Eine besonders auffällige Verteuerung allein beschreibt deshalb noch nicht die gesamte Inflation.

Ein vereinfachtes Rechenbeispiel zeigt den Unterschied zwischen Rate und Niveau. Steigt ein vergleichbarer Warenkorb zunächst von 100 auf 106 Franken, beträgt die Teuerung 6 Prozent. Verteuert er sich im folgenden Jahr um 2 Prozent, kostet er anschliessend 108.12 Franken. Die Inflation ist deutlich gesunken, der Einkauf aber nochmals teurer geworden. Für eine Rückkehr zum Ausgangspreis wäre ein entsprechender Preisrückgang nötig.



Kostenschübe wandern durch mehrere Wirtschaftsstufen

Ein höherer Rohstoffpreis erreicht den Verkaufspreis eines fertigen Produkts häufig über mehrere Stationen. Zwischen Rohstoffgewinnung, Verarbeitung, Transport, Grosshandel und Verkauf liegen unterschiedliche Kostenstrukturen und Vertragsbeziehungen. Die Beteiligten reagieren deshalb zeitlich versetzt. Ein ursprünglicher Impuls kann noch weitergegeben werden, obwohl sich die Lage am Anfang der Lieferkette bereits beruhigt hat.

Das lässt sich an einem hypothetischen Lebensmittelbetrieb nachvollziehen. Werden Verpackungsmaterial, Transport und Energie gleichzeitig teurer, muss der Betrieb mehrere Belastungen berücksichtigen. Werden später die Transporte günstiger, bleiben andere Kosten möglicherweise erhöht. Eine Entspannung bei einem einzelnen Bestandteil reicht dann nicht aus, um den bisherigen Verkaufspreis vollständig zurückzunehmen. Entscheidend ist die gesamte Kalkulation.


Internationale Warenströme verbinden zahlreiche Produktionsstufen. Veränderungen bei Transport- und Beschaffungskosten können deshalb zeitlich versetzt in den Preisen fertiger Produkte ankommen.

Energie wirkt über die eigene Rechnung hinaus

Energie beeinflusst sowohl direkte Ausgaben als auch die Herstellung anderer Güter. Treibstoffe verteuern Transporte, Strom wird für Maschinen und Kühlung benötigt, Wärme für bestimmte Produktionsprozesse. Ein angebotsbedingter Energieschock kann dadurch zahlreiche Branchen treffen. Gleichzeitig schwächt er die Kaufkraft, wenn Haushalten nach den notwendigen Ausgaben weniger Geld für andere Käufe bleibt.

Auch hier hilft ein vereinfachtes Beispiel: Ein Betrieb hat einen Teil seines Energiebedarfs zu festen Bedingungen beschafft. Dann verändert ein neuer Börsenpreis seine tatsächlichen Ausgaben zunächst nur für den noch offenen Teil. Bei einem anderen Unternehmen kann die nächste Vertragsperiode bereits bevorstehen. Beide beobachten denselben Markt, rechnen aber mit unterschiedlichen Kosten. Entsprechend können auch ihre Preisanpassungen auseinanderliegen.


Eine Energierechnung hängt von Verbrauch und Tarif ab. Für die Beurteilung der Teuerung muss deshalb getrennt werden, ob mehr Energie bezogen wurde oder dieselbe Menge mehr kostet.

Dienstleistungen reagieren anders als Rohstoffmärkte

Bei vielen Dienstleistungen spielt menschliche Arbeitszeit eine grosse Rolle. Ein Restaurantbesuch, eine Reparatur oder eine persönliche Betreuung lässt sich nicht beliebig durch günstigere Rohstoffe verbilligen. Wenn Personalkosten steigen, kann das die Kalkulation entsprechend stark beeinflussen. Deshalb kann der Preisauftrieb bei Dienstleistungen länger anhalten, während sich Warenpreise bereits beruhigen.

Lohnanpassungen erfolgen zudem häufig erst nach einem vorausgegangenen Kaufkraftverlust. Verhandlungen und vertragliche Laufzeiten verteilen diesen Aufholprozess über längere Zeiträume. Daraus entsteht jedoch nicht zwangsläufig eine Lohn-Preis-Spirale. Entscheidend sind auch die Produktivität und die Gewinnmargen: Steigt die Leistung je Arbeitsstunde oder nehmen Unternehmen geringere Margen hin, muss ein höherer Lohn nicht vollständig im Verkaufspreis ankommen.


In der Gastronomie gehören Arbeitszeit, Räume, Energie und Lebensmittel gemeinsam zur Kalkulation. Günstigere Zutaten allein führen deshalb nicht zwingend zu entsprechend tieferen Menüpreisen.

Erwartungen können den Preisauftrieb verlängern

Bei wirtschaftlichen Entscheidungen zählt auch die erwartete Entwicklung. Rechnen Unternehmen mit dauerhaft steigenden Beschaffungskosten, können sie vorsorglich anders kalkulieren. Beschäftigte berücksichtigen erwartete Preissteigerungen bei Lohnforderungen. Werden solche Erwartungen zunehmend zur Grundlage vieler Entscheidungen, kann sich ein ursprünglicher Schock über weitere Anpassungsrunden verlängern. Die Glaubwürdigkeit einer auf Preisstabilität ausgerichteten Geldpolitik ist deshalb bedeutsam.

Allerdings beeinflussen Erwartungen die Preise nicht unabhängig von der wirtschaftlichen Realität. Ein Betrieb kann höhere Preise nur durchsetzen, wenn die Nachfrage und die Konkurrenzsituation dies zulassen. Schwächerer Absatz kann den Spielraum begrenzen und Unternehmen veranlassen, Kosten über geringere Margen aufzufangen. Aus einer einzelnen angekündigten Preiserhöhung lässt sich deshalb weder eine allgemeine Inflationsspirale noch deren Dauer ableiten.



Geldpolitik verändert Entscheidungen mit Verzögerung

Notenbanken können den Preisauftrieb über die Finanzierungsbedingungen beeinflussen. Höhere Zinsen verteuern tendenziell kreditfinanzierte Ausgaben und machen bestimmte Investitionen weniger attraktiv. Wenn die Nachfrage nachlässt, nimmt der Druck auf ausgelastete Kapazitäten ab. Eine Zinserhöhung schafft allerdings weder zusätzliche Energie noch neue Transportwege. Ihre Wirkung hängt deshalb auch davon ab, welche Ursache hinter der Inflation steht.

Zwischen dem Zinsentscheid und der Wirkung auf Konsum, Investitionen und Preise liegen mehrere Schritte. Manche Finanzierungen reagieren rasch, andere erst bei einer Erneuerung. Bereits beschlossene Projekte werden möglicherweise weitergeführt, während neue Vorhaben anders kalkuliert werden. Deshalb lässt sich keine feste Frist nennen, nach der ein Zinsschritt die Teuerung vollständig verändert haben muss.

Diese Verzögerung erschwert die Dosierung. Eine zu schwache Reaktion kann eine Verfestigung des Preisauftriebs begünstigen. Eine zu starke Bremsung kann die wirtschaftliche Aktivität übermässig belasten, während frühere Massnahmen noch nachwirken. Der Beitrag „Geldpolitik zwischen Inflationsbekämpfung und wirtschaftlichem Gegenwind“ erläutert diese Abwägung zwischen Preisstabilität und Konjunktur.

Finanzmärkte reagieren häufig schneller als die Realwirtschaft, weil sie Erwartungen über künftige Entwicklungen berücksichtigen. Eine Kursbewegung am Tag eines Zinsentscheids belegt deshalb noch keine entsprechende Veränderung der Konsumentenpreise. Wie Beschluss, Erwartung und wirtschaftliche Begründung zusammenwirken, erklärt „Zinsentscheide der Notenbanken: Erwartungen und Marktreaktionen verstehen“.


Ein Kassenbon dokumentiert einen einzelnen Einkauf. Für aussagekräftige Preisvergleiche müssen Mengen, Produkte und Rabatte vergleichbar bleiben; ein höherer Gesamtbetrag allein beweist noch keine entsprechende Teuerung.

Der Franken beeinflusst die Schweizer Preisentwicklung

Für die Schweiz ist der Wechselkurs ein zusätzlicher Einflussfaktor. Ein stärkerer Franken kann importierte Waren und Vorleistungen verbilligen und dadurch die Inflation dämpfen. Eine Abschwächung kann in die Gegenrichtung wirken. Die Übertragung erfolgt jedoch nicht zwangsläufig sofort und vollständig: Vertragswährung, Wettbewerb, Kalkulation und die erwartete Dauer einer Wechselkursbewegung beeinflussen, welcher Anteil beim Endkunden ankommt.

Auch ein importiertes Produkt enthält häufig inländische Kostenbestandteile, etwa für Lagerung und Verkauf. Eine günstigere Beschaffung bedeutet deshalb keine gleich grosse prozentuale Senkung des gesamten Verkaufspreises. Bei Dienstleistungen, die überwiegend im Inland erbracht werden, spielt die lokale Kostenentwicklung eine stärkere Rolle. Ein günstigerer Wechselkurs kann somit entlasten, ohne sämtliche Preise in dieselbe Richtung zu bewegen.

Die Schweizerische Nationalbank versteht unter Preisstabilität einen jährlichen Anstieg des Landesindexes der Konsumentenpreise von weniger als 2 Prozent. Auch anhaltende Deflation verletzt dieses Ziel. Das unterscheidet sich von einer Verpflichtung, frühere Preissteigerungen vollständig rückgängig zu machen. Die Geldpolitik richtet sich auf die mittelfristige Preisentwicklung und berücksichtigt dabei die konjunkturelle Lage.

Jahresraten können durch den Vergleichszeitpunkt schwanken

Die Jahresteuerung vergleicht das Preisniveau mit demselben Monat des Vorjahres. War der damalige Vergleichswert besonders hoch oder tief, beeinflusst dies die ausgewiesene Rate. Solche Basiseffekte können die Jahresinflation deutlich verändern, ohne dass sich die Preise im aktuellen Monat ähnlich stark bewegen. Monatsveränderung und Jahresvergleich beantworten deshalb unterschiedliche Fragen.

Für die Schweiz meldete das Bundesamt für Statistik für Oktober 2026 eine Teuerung von 1,5 Prozent gegenüber dem Vorjahresmonat. Gegenüber September stieg der Landesindex um 0,2 Prozent. Die beiden Angaben dürfen nicht gleichgesetzt werden. Ebenso wenig lässt sich aus einer einzelnen Monatsveröffentlichung zuverlässig ableiten, wie hartnäckig der Preisauftrieb in den kommenden Monaten sein wird.

Das Haushaltsbudget folgt einem eigenen Warenkorb

Die gemessene Inflation beschreibt einen gewichteten Durchschnitt. Einzelne Haushalte verteilen ihre Ausgaben anders: Wohnen, Mobilität, Lebensmittel und Dienstleistungen beanspruchen je nach Lebenssituation unterschiedliche Anteile. Hinzu kommt die Erinnerung an frühere Preise. Wer mit dem Niveau von vor mehreren Jahren vergleicht, beurteilt eine andere Veränderung als die veröffentlichte Jahresteuerung.

Eine besondere Rolle spielen die Prämien der obligatorischen Krankenversicherung. Sie belasten das verfügbare Einkommen, gehen aber nicht als solche in den Landesindex der Konsumentenpreise ein. Die finanzierten medizinischen Waren und Dienstleistungen werden hingegen mit ihrer Preisentwicklung erfasst. Deshalb können steigende Prämien das Budget deutlich einengen, obwohl die ausgewiesene Konsumententeuerung vergleichsweise niedrig bleibt.

Eine dauerhafte Beruhigung zeigt sich in mehreren Signalen

Ob Inflation nachlässt, lässt sich am überzeugendsten beurteilen, wenn mehrere Entwicklungen zusammenpassen. Dazu gehören die Breite der Preissteigerungen, die Entwicklung von Waren und Dienstleistungen, Löhne im Verhältnis zur Produktivität sowie längerfristige Inflationserwartungen. Ergänzende Kerninflationsmasse können helfen, besonders schwankende Komponenten auszublenden. Sie ersetzen aber nicht die Gesamtinflation und nehmen Energie- oder Lebensmittelausgaben keine Bedeutung für das Haushaltsbudget.

Anhaltender Preisauftrieb entsteht somit aus dem Zusammenspiel von Kosten, Nachfrage, Verträgen und Erwartungen. Seine Ursachen können sich im Verlauf verändern: Ein anfänglicher Beschaffungsschock kann nachlassen, während andere Anpassungen weiterlaufen. Eine belastbare Entspannung braucht deshalb mehr als eine günstigere Rohstoffnotierung oder einen einzelnen Zinsentscheid. Sie zeigt sich darin, dass der Preisdruck über mehrere Bereiche und einen längeren Zeitraum nachgibt.

 

Bildquellen: Titelbild: Depositphotos/IgorVetushko; Bild 1: Depositphotos/MrHamster; Bild 2: Depositphotos/3dmentat; Bild 3: Depositphotos/Dmyrto_Z; Bild 4: Depositphotos/stadtratte




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