Geldpolitik zwischen Inflationsbekämpfung und wirtschaftlichem Gegenwind
von belmedia Redaktion Allgemein Alltag business24.ch businessaktuell.ch Finanzen nachrichtenticker.ch News Prävention Schweiz Tipps Unternehmen Wirtschaft
Steigende Preise und eine schwächere Wirtschaft stellen Notenbanken vor eine schwierige Abwägung. Höhere Zinsen können den Preisauftrieb bremsen, verteuern aber auch Kredite und belasten Investitionen. Tiefere Zinsen erleichtern die Finanzierung, können jedoch neuen Inflationsdruck erzeugen. Welche Entscheidung angemessen ist, hängt deshalb von den Ursachen der Teuerung, den Wachstumsaussichten und der Wirkung bereits beschlossener Massnahmen ab.
Der Zielkonflikt verschärft sich besonders dann, wenn höhere Energie- oder Beschaffungskosten gleichzeitig die Preise erhöhen und die Kaufkraft schwächen. Für die Schweiz kommt der Franken als wichtiger Einflussfaktor hinzu. Eine sachliche Einordnung trennt deshalb zwischen kurzfristigen Preisschüben, anhaltendem Inflationsdruck und einer tatsächlichen Verschlechterung der Konjunktur.
Preisstabilität bleibt der entscheidende Massstab
Die Schweizerische Nationalbank hat den Auftrag, die Preisstabilität zu gewährleisten und dabei der konjunkturellen Entwicklung Rechnung zu tragen. Diese Aufgaben sind nicht gleichrangig: Bei Zielkonflikten hat die Preisstabilität Vorrang. Das bedeutet allerdings keine Verpflichtung, jeden kurzfristigen Preisausschlag sofort mit einer Zinsänderung zu beantworten. Entscheidend ist die mittelfristige Entwicklung.
Die SNB versteht unter Preisstabilität einen jährlichen Anstieg des Landesindexes der Konsumentenpreise von weniger als 2 Prozent. Auch eine anhaltende Deflation verletzt dieses Ziel. Die Europäische Zentralbank strebt dagegen für den Euroraum mittelfristig eine symmetrische Inflationsrate von 2 Prozent an. Die unterschiedlichen Definitionen zeigen, weshalb geldpolitische Entscheidungen verschiedener Währungsräume nicht allein anhand ihrer Zinshöhe verglichen werden sollten.
Die Ursache der Inflation verändert die Antwort
Entsteht Inflation durch eine übermässig starke Nachfrage, passen Inflationsbekämpfung und konjunkturelle Beruhigung häufig zusammen. Höhere Zinsen machen kreditfinanzierte Ausgaben weniger attraktiv. Unternehmen verschieben möglicherweise Erweiterungen, Haushalte grössere Anschaffungen. Dadurch lässt der Druck auf ausgelastete Produktionskapazitäten nach, was den Preisauftrieb dämpfen kann.
Schwieriger ist ein negativer Angebotsschock. Werden Energie, Vorprodukte oder Transporte teurer, steigen die Kosten der Unternehmen. Gleichzeitig bleibt den Haushalten nach unvermeidbaren Ausgaben weniger Geld für andere Käufe. Die Wirtschaft kann deshalb an Schwung verlieren, während die Inflation zunimmt. Eine zusätzliche geldpolitische Bremsung verstärkt dann zunächst die Belastung der Nachfrage.
Eine Notenbank kann mit höheren Zinsen weder zusätzliche Erdölmengen fördern noch eine unterbrochene Lieferroute öffnen. Sie kann jedoch verhindern helfen, dass sich der ursprüngliche Kostenschub dauerhaft in breiteren Preissteigerungen festsetzt. Die angemessene Reaktion hängt somit davon ab, wie gross und anhaltend die Störung ist und welche weiteren Folgen sie auslöst.
Erwartungen können einen Preisschub verlängern
Unternehmen und Beschäftigte orientieren sich bei Preis- und Lohnentscheidungen auch an der erwarteten Entwicklung. Rechnen viele Beteiligte dauerhaft mit hoher Inflation, können sie versuchen, sich frühzeitig dagegen abzusichern. Daraus können weitere Kosten- und Preisanpassungen entstehen. Ein vorübergehender Auslöser erhält dann eine Wirkung, die über den ursprünglichen Schock hinausgeht.
Eine solche Entwicklung ist allerdings kein Automatismus. Lohnsteigerungen allein beweisen keine sich selbst verstärkende Inflationsspirale. Produktivität, Gewinnmargen, Wettbewerb und die Möglichkeiten zur Weitergabe von Kosten gehören ebenfalls zur Analyse. Wichtig ist, ob sich der Preisdruck verbreitert und ob längerfristige Inflationserwartungen vom angestrebten Bereich abweichen.
Geldpolitik wirkt mit unsicherer Verzögerung
Zwischen einem Zinsentscheid und seiner vollständigen Wirkung liegen mehrere Übertragungsschritte. Geldmarktzinsen können rasch reagieren, während sich die Finanzierungskosten bestehender Verträge zunächst kaum verändern. Erst wenn Kredite erneuert, Investitionen neu kalkuliert oder Ausgaben angepasst werden, erreicht der Impuls weitere Bereiche der Wirtschaft. Die zeitlichen Abstände unterscheiden sich nach Branche und Finanzierungsstruktur.
Daraus entsteht ein Risiko in beide Richtungen. Wartet eine Notenbank zu lange, kann sich Inflation verfestigen. Strafft sie zu stark, können frühere Zinserhöhungen später eine bereits schwache Nachfrage zusätzlich belasten. Deshalb wäre es problematisch, so lange nachzuschärfen, bis sämtliche veröffentlichten Inflationszahlen das Ziel erreicht haben: Ein Teil der beschlossenen Wirkung könnte dann noch bevorstehen.
Unveränderte Zinsen können unterschiedlich stark bremsen
Die nominale Zinshöhe beschreibt die wirtschaftliche Wirkung nur teilweise. Für viele Entscheidungen ist auch der erwartete Realzins relevant, also näherungsweise der Nominalzins abzüglich der erwarteten Inflation. Bleibt ein Kreditzins gleich, während die Inflationserwartung sinkt, steigt die reale Zinsbelastung. Geldpolitische Bedingungen können dadurch straffer werden, obwohl kein weiterer Zinsschritt erfolgt.
Ein vereinfachtes Beispiel verdeutlicht den Zusammenhang: Bei einem Nominalzins von 4 Prozent und einer erwarteten Inflation von 3 Prozent liegt der erwartete Realzins ungefähr bei 1 Prozent. Sinkt die Inflationserwartung auf 2 Prozent, steigt er bei unverändertem Nominalzins auf ungefähr 2 Prozent. Die Rechnung zeigt eine grundlegende Beziehung und ersetzt keine vollständige Bewertung eines Kredits.
Der Leitzins erklärt nicht sämtliche Finanzierungskosten
Notenbanken beeinflussen kurzfristige Zinsen besonders direkt. Langfristige Renditen hängen zusätzlich von Erwartungen über künftige Zinsen und von verschiedenen Risikoprämien ab. Deshalb können langfristige Finanzierungskosten steigen, obwohl eine Zentralbank ihren Leitzins unverändert lässt. Auch die Bonität eines Kreditnehmers und die Bedingungen am Kreditmarkt spielen eine Rolle.
Für die Auswertung einer Entscheidung zählt zudem, was zuvor erwartet wurde. Ein unveränderter Zins kann überraschend locker wirken, wenn eine Erhöhung erwartet worden war. Umgekehrt kann eine kleine Senkung die Märkte enttäuschen. Der Beitrag „Zinsentscheide der Notenbanken: Erwartungen und Marktreaktionen verstehen“ erläutert diese Unterschiede zwischen Beschluss, Erwartung und wirtschaftlicher Begründung.
Der Franken erweitert die Schweizer Abwägung
In einer kleinen, international verflochtenen Volkswirtschaft beeinflusst der Wechselkurs sowohl Preise als auch Nachfrage. Eine Aufwertung des Frankens kann importierte Waren und Vorleistungen verbilligen und damit die Inflation dämpfen. Gleichzeitig kann sie die Wettbewerbsposition von Exporteuren und touristischen Anbietern belasten. Wie stark ein einzelner Betrieb betroffen ist, hängt unter anderem von seiner Kostenstruktur und seiner Preisgestaltung ab.
Eine Abwertung wirkt tendenziell in die Gegenrichtung: Importe werden teurer, während sich die Bedingungen für bestimmte exportorientierte Aktivitäten verbessern können. Für die SNB gehören deshalb Zinsniveau und Wechselkurs gemeinsam zur Beurteilung der monetären Bedingungen. Neben dem Leitzins können auch Devisenmarktinterventionen eine Rolle spielen. Daraus folgt jedoch keine feste Zusage für einen bestimmten Wechselkurs.
Die Schweizer Lage verlangt eine differenzierte Einordnung
Bei ihrer Lagebeurteilung vom 24. September 2026 beliess die SNB den Leitzins bei 0 Prozent. Ihre bedingte Inflationsprognose lag für 2026 bei durchschnittlich 0,7 Prozent und für 2027 sowie 2028 bei jeweils 0,8 Prozent. Diese Werte beruhten auf der Annahme eines über den gesamten Prognosezeitraum unveränderten Leitzinses. Sie sind somit keine verbindliche Vorhersage des künftigen geldpolitischen Kurses.
Gleichzeitig erwartete die Nationalbank für 2026 ein Wirtschaftswachstum zwischen 1,5 und 2 Prozent. Wirtschaftlicher Gegenwind bedeutete in dieser Beurteilung folglich keine allgemeine Schrumpfung. Als Risiken nannte sie insbesondere die internationale Entwicklung, mögliche weitere Energiepreissteigerungen, das handelspolitische Umfeld und den Wechselkurs. Ein Basisszenario mit Wachstum kann mit erheblichen Risiken für einzelne Branchen zusammenfallen.
Haushalte spüren Preise und Zinsen unterschiedlich
Inflation verändert die Kaufkraft, Zinsen verändern unter anderem Finanzierungs- und Sparerträge. Beide Entwicklungen treffen Haushalte unterschiedlich. Ein Haushalt mit hohen variablen Finanzierungskosten reagiert anders als einer mit länger festgeschriebenen Zinsen oder hohen liquiden Ersparnissen. Auch der Anteil unvermeidbarer Ausgaben beeinflusst, wie viel Spielraum nach einem Preisschub bleibt.
Sinkende Inflation stellt verlorene Kaufkraft zudem nicht automatisch wieder her. Steigt ein Preis zuerst von 100 auf 105 Franken und im Folgejahr um weitere 1 Prozent, kostet das Produkt anschliessend 106.05 Franken. Die Teuerungsrate ist deutlich gesunken, das Preisniveau aber weiter gestiegen. Diese Unterscheidung erklärt, weshalb eine statistische Entspannung im Alltag zunächst wenig Entlastung bringen kann.
Für Unternehmen zählen Finanzierung und Nachfrage gemeinsam
Eine Zinssenkung kann die Kalkulation eines Investitionsprojekts verbessern. Fehlen jedoch Aufträge oder sind die Absatzchancen unsicher, bleibt die Bereitschaft zur Erweiterung möglicherweise gering. Umgekehrt kann ein Unternehmen trotz höherer Zinsen investieren, wenn Ersatzbeschaffungen nötig sind oder eine verlässlich hohe Nachfrage besteht. Die Konjunktur lässt sich deshalb nicht aus dem Zinsniveau allein ablesen.
Im Betrieb sind Auftragseingang, Kapazitätsauslastung, Margen und Liquidität wichtige Ergänzungen zu gesamtwirtschaftlichen Prognosen. Der Beitrag „Rezessionsangst im Betrieb: Diese Kennzahlen liefern eine klare Einordnung“ zeigt, wie sich betriebliche Belastungen genauer erfassen lassen. Schwächen einzelner Unternehmen und die Entwicklung der Gesamtwirtschaft müssen dabei getrennt betrachtet werden.
Die Richtung ergibt sich aus mehreren Signalen
Für die geldpolitische Beurteilung genügt weder eine einzelne Inflationszahl noch ein schwacher Konjunkturmonat. Gesamtteuerung, Kerninflation, Löhne, Produktivität, Arbeitsmarkt, Kreditbedingungen und Erwartungen liefern unterschiedliche Informationen. Auch eine bedingte Prognose bleibt von ihren Annahmen abhängig. Neue Daten können deshalb eine veränderte Entscheidung rechtfertigen, ohne dass das langfristige Ziel aufgegeben wird.
Eine erfolgreiche Politik zwischen Inflationsbekämpfung und wirtschaftlichem Gegenwind besteht somit nicht darin, jede Belastung sofort auszugleichen. Sie muss anhaltenden Preisdruck begrenzen und zugleich berücksichtigen, wie stark frühere Massnahmen und neue Störungen bereits auf die Wirtschaft wirken. Massgeblich bleiben die Ursachen der Entwicklung, ihre voraussichtliche Dauer und die Aussicht auf mittelfristig stabile Preise.
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