An den Kapitalmärkten scheint die Inflation vorbei zu sein

Die Kapitalmärkte wirken, als hätten sie das Inflationsproblem bereits abgehakt. Diese Wahrnehmung greift jedoch zu kurz: Die Teuerung ist in der Schweiz niedrig, aber nicht verschwunden. Zudem bilden Börsenkurse und Anleiherenditen Erwartungen über die Zukunft ab – nicht allein die zuletzt gemessenen Konsumentenpreise.

Für Unternehmen und private Haushalte bleibt deshalb entscheidend, zwischen sinkenden Inflationsraten, fallenden Preisen und veränderten Markterwartungen zu unterscheiden. Erst das Zusammenspiel von Kerninflation, Energiepreisen, Löhnen, Wechselkursen und Geldpolitik zeigt, ob die Preisstabilität tatsächlich dauerhaft gesichert ist.

Der Markt blickt voraus, der Preisindex zurück

Ein Konsumentenpreisindex zeigt, wie sich die Preise eines definierten Warenkorbs gegenüber einem früheren Zeitraum verändert haben. Börsenkurse und Anleiherenditen richten sich dagegen nach Erwartungen: Marktteilnehmer versuchen einzuschätzen, wie sich Inflation, Wirtschaftswachstum, Unternehmensgewinne und Leitzinsen in den kommenden Quartalen entwickeln.

Steigende Aktienkurse oder sinkende Renditen bedeuten daher nicht automatisch, dass die Inflation beendet ist. Sie können ebenso Ausdruck der Hoffnung auf tiefere Leitzinsen, robuste Unternehmensgewinne oder eine wirtschaftliche Erholung sein. Auch Erwartungen an Produktivitätsfortschritte und neue Technologien können Bewertungen erhöhen, ohne dass sich die aktuelle Preisentwicklung bereits entsprechend verbessert hat.


Ein stärkerer Franken kann Importe verbilligen, während eine Abwertung den Preisdruck aus dem Ausland verstärken kann.

Für die Schweiz kommt dem Wechselkurs eine besondere Bedeutung zu. Ein starker Franken dämpft häufig die Preise importierter Waren, Rohstoffe und Vorleistungen. Wird die Landeswährung schwächer, kann sich dieser Effekt umkehren. Die Schweizerische Nationalbank berücksichtigt deshalb neben der Konjunktur und den Inflationsaussichten auch die Entwicklung am Devisenmarkt.

Diese Zusammenhänge erklären, weshalb die Lage an den Schweizer Kapitalmärkten nicht unverändert auf die Eurozone oder die Vereinigten Staaten übertragen werden kann. Inflationsstruktur, Währung, Energieabhängigkeit und geldpolitischer Spielraum unterscheiden sich erheblich.

Niedrige Inflation bedeutet nicht sinkende Preise

Nach Angaben des Bundesamtes für Statistik lag die Jahresteuerung in der Schweiz im September 2026 bei 1,0 Prozent. Der Landesindex der Konsumentenpreise blieb gegenüber dem Vormonat unverändert. Zu den preissteigernden Bereichen gehörten unter anderem Heizöl, Benzin und Diesel, während verschiedene Reise- und Beherbergungsleistungen günstiger wurden.

Eine Inflationsrate von 1,0 Prozent bedeutet nicht, dass das allgemeine Preisniveau auf frühere Werte zurückgekehrt ist. Sie besagt lediglich, dass der erfasste Warenkorb durchschnittlich 1,0 Prozent mehr kostete als ein Jahr zuvor. Die während früherer Inflationsphasen entstandenen Preissteigerungen bleiben im Preisniveau enthalten.

Ökonomen sprechen von Disinflation, wenn die Preise weiter steigen, aber langsamer als zuvor. Deflation liegt dagegen erst vor, wenn das allgemeine Preisniveau über einen längeren Zeitraum sinkt. Für Löhne, Budgets und Preisverhandlungen ist dieser Unterschied wesentlich.



Auch die persönliche Teuerung kann vom offiziellen Durchschnitt abweichen. Haushalte mit hohen Ausgaben für Energie, Wohnen oder bestimmte Lebensmittel erleben eine andere Belastung als Personen, deren Ausgaben stärker auf Bereiche mit stabilen oder sinkenden Preisen entfallen.

Unternehmen stehen vor einem ähnlichen Problem. Der Konsumentenpreisindex bildet nicht zwingend ihre tatsächliche Kostenstruktur ab. Energie, Rohstoffe, Versicherungen, Mieten, Finanzierung, Logistik und Löhne können sich anders entwickeln als der nationale Durchschnitt.

Energie kann das Inflationsbild rasch verändern

Die Schweizerische Nationalbank beliess ihren Leitzins im September 2026 bei 0 Prozent. In ihrer geldpolitischen Lagebeurteilung verwies sie darauf, dass die Inflation von 0,6 Prozent im Mai auf 0,8 Prozent im August gestiegen war. Als wichtiger Grund wurden die Preise für Erdölprodukte genannt.

Energiepreise wirken teilweise direkt über Treibstoffe, Heizkosten und Strom. Hinzu kommen indirekte Effekte: Höhere Transport- und Produktionskosten können mit Verzögerung in die Preise von Waren und Dienstleistungen einfliessen. Wie stark dies geschieht, hängt von Verträgen, Margen, Wettbewerb und der Möglichkeit ab, Kosten weiterzugeben.


Einzelne Energiepreise beeinflussen nicht nur Haushalte, sondern auch Transport-, Produktions- und Lieferkosten.

Ein vorübergehender Energieschub muss keine dauerhafte Inflationswelle auslösen. Kritischer wird die Entwicklung, wenn Unternehmen und Beschäftigte dauerhaft höhere Preissteigerungen erwarten und diese Erwartungen in Verträge, Löhne und Verkaufspreise einbauen.

Nach Einschätzung der Nationalbank gab es im Oktober 2026 bislang nur wenige Hinweise auf breite Zweitrundeneffekte. Gleichzeitig blieben Energiepreise und Wechselkursbewegungen wichtige Risiken. Eine ruhige aktuelle Kerninflation ist deshalb ein positives Signal, aber keine Garantie für die kommenden Quartale.

Was Renditen und Inflationserwartungen tatsächlich zeigen

Anleiherenditen werden häufig als direkte Abstimmung über die Inflation interpretiert. Tatsächlich setzen sie sich aus mehreren Bestandteilen zusammen: erwarteter Inflation, erwarteten realen Zinsen, Laufzeitprämien, Liquidität und der Unsicherheit über die künftige Geld- und Finanzpolitik.

Steigende langfristige Renditen können deshalb verschiedene Ursachen haben. Möglich sind höhere Inflationserwartungen, ein robusteres Wachstum, steigende Staatsverschuldung oder eine grössere Prämie für das Halten langfristiger Anleihen. Umgekehrt können Renditen fallen, weil die Konjunkturaussichten schwächer werden – nicht nur, weil der Markt Preisstabilität erwartet.

Auch sogenannte marktbasierte Inflationserwartungen sind keine reine Prognose. Sie enthalten Risiko- und Liquiditätsprämien. Eine einzelne Kennzahl genügt daher nicht, um festzustellen, dass die Inflation «vorbei» sei.


Eine belastbare Einordnung entsteht erst durch den Vergleich mehrerer voneinander unabhängiger Indikatoren.

Hilfreich ist eine gemeinsame Betrachtung von Gesamt- und Kerninflation, Lohnentwicklung, Dienstleistungspreisen, Produzentenpreisen und langfristigen Inflationserwartungen. Ergänzend zeigen Unternehmensumfragen, ob steigende Kosten breit weitergegeben werden oder nur einzelne Branchen betreffen.

Bei der Interpretation von Börsenbewegungen ist zusätzlich zu beachten, dass grosse Indizes stark von wenigen Unternehmen oder Branchen geprägt sein können. Kursgewinne in Technologieunternehmen sagen nur begrenzt etwas über die Preisentwicklung im gesamten Wirtschaftssystem aus.



Schweiz, Eurozone und Weltwirtschaft getrennt betrachten

Für die Schweiz erwartete die Nationalbank im September 2026 eine durchschnittliche Inflation von 0,7 Prozent für 2026 sowie jeweils 0,8 Prozent für 2027 und 2028. Die Prognose beruhte auf der Annahme eines unveränderten SNB-Leitzinses von 0 Prozent. Solche bedingten Prognosen sind keine Zusicherung, sondern Szenarien auf Basis der zum Zeitpunkt der Veröffentlichung verfügbaren Informationen.

Im Euroraum war das Bild weniger eindeutig. In der Konsumentenumfrage der Europäischen Zentralbank stieg die mittlere Inflationserwartung für die kommenden zwölf Monate im September 2026 auf 3,1 Prozent. Die Erwartungen für drei Jahre lagen bei 2,9 Prozent und jene für fünf Jahre bei 2,5 Prozent.

Diese Werte zeigen, dass die Inflationswahrnehmung ausserhalb der Schweiz weiterhin erhöht sein kann. Globale Rohstoffpreise, Handelskonflikte, Lieferketten, staatliche Ausgaben und geopolitische Risiken wirken zudem grenzüberschreitend. Die Vorstellung eines weltweit abgeschlossenen Inflationszyklus wäre deshalb voreilig.


Kursbewegungen sind Momentaufnahmen und keine dauerhafte Bestätigung eines bestimmten Inflationspfads.

Die jüngere Vergangenheit hat gezeigt, wie schnell sich die Erwartungen verändern können. Eine unerwartete Energieknappheit, neue Zölle oder eine deutliche Währungsbewegung können Inflationsprognosen innerhalb weniger Wochen verschieben.

Deshalb ist es sinnvoll, zwischen dem Basisszenario und möglichen Abweichungen zu unterscheiden. Märkte bewerten meist die wahrscheinlichste Entwicklung. Unternehmen müssen dagegen auch weniger wahrscheinliche Szenarien berücksichtigen, wenn diese erhebliche Auswirkungen auf Finanzierung, Beschaffung oder Nachfrage hätten.

Welche Signale Unternehmen beobachten sollten

Für den Betriebsalltag ist nicht die Frage entscheidend, ob «die Inflation» allgemein vorbei ist. Relevant ist, welche Kostenpositionen den eigenen Betrieb betreffen. Eine regelmässige Auswertung von Energie, Einkauf, Löhnen, Mieten, Versicherungen und Finanzierung liefert eine belastbarere Grundlage als die alleinige Orientierung an der nationalen Jahresteuerung.

Bei langfristigen Verträgen sollten Preisgleitklauseln klar definieren, welcher Index gilt, in welchen Abständen angepasst wird und ob Schwellenwerte vorgesehen sind. Pauschale Zuschläge aus der Hochinflationsphase sollten ebenso geprüft werden wie vorschnelle Preissenkungen, die die tatsächliche Kostenentwicklung nicht berücksichtigen.

Auch die Währungsseite verdient Aufmerksamkeit. Ein Beitrag über den Franken und die Rolle der Nationalbank zeigt, weshalb Wechselkurs und Geldpolitik gemeinsam beurteilt werden müssen. Zur Interpretation schwankender Kurse und Renditen bietet zudem die Einordnung «Neue Finanzkrise? Die Börse ist auf der Suche nach Orientierung» ergänzende Hintergründe.

Für die interne Planung eignen sich mindestens drei Szenarien: stabile Kosten, eine erneute moderate Teuerung und ein stärkerer externer Preisschub. Zu jedem Szenario lassen sich Auswirkungen auf Marge, Liquidität, Verkaufspreise und Finanzierungsbedarf bestimmen.

Die Inflation ist gedämpft, aber nicht verschwunden

Die Schweizer Inflationslage ist vergleichsweise ruhig. Dies rechtfertigt eine deutlich gelassenere Beurteilung als während der ausgeprägten Teuerungsphasen. Es bedeutet jedoch weder, dass das Preisniveau zurückgegangen ist, noch dass neue Preisschübe ausgeschlossen sind.

Kapitalmärkte handeln Erwartungen. Diese können zutreffen, aber auch rasch revidiert werden. Wer die Inflationslage beurteilt, sollte daher nicht allein auf Aktienkurse oder eine einzelne Anleiherendite schauen, sondern Preisindizes, Kerninflation, Löhne, Energie, Wechselkurse und längerfristige Erwartungen gemeinsam auswerten.

Die treffendere Aussage lautet deshalb: An Teilen der Kapitalmärkte wird eine dauerhaft niedrigere Inflation eingepreist. Ob daraus tatsächlich nachhaltige Preisstabilität wird, entscheidet sich erst in den kommenden Quartalen.

 

Bildquellen: Titelbild: Shutterstock/Deemerwha studio; Bild 1: Shutterstock/Fedor Selivanov; Bild 2: Shutterstock/VADZIM SHUBICH; Bild 3: Shutterstock/PeopleImages; Bild 4: Shutterstock/DC Studio




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