Künstliche Intelligenz in der Schweiz – zwischen Innovation, Ethik und Regulierung
KI verspricht enormes Wirtschaftswachstum – und wirft zugleich gewichtige ethische Fragen auf.
Im Gespräch mit Simon Ruesch (Swico) und Ethikprofessor Peter G. Kirchschläger (Universität Luzern, Gastprofessor ETH Zürich) geht es um Chancen, Risiken und die Rolle der Schweiz. Das Interview führte Nina Gerwoll.
„Die Schweiz ist stark aufgestellt – aber sie muss klug handeln“
Nina Gerwoll (N. G.): KI ist momentan in aller Munde. Welche Rolle hat die Schweiz in diesem Bereich heute und wie ist sie positioniert?
Simon Ruesch (S. R.): Die Schweiz ist dank ihren starken Innovationsclustern, ihrer globalen Vernetzung und ihrer Wirtschaftsstruktur im weltweiten Vergleich sehr gut für die Entwicklung und Anwendung von KI aufgestellt. Doch der globale Wettbewerb um «AI Leadership» verschärft sich. Entscheidend ist, dass Unternehmen, Individuen und der Staat KI rasch, gezielt und breit implementieren. Nur so bleibt die Schweiz an der Spitze.
Peter G. Kirchschläger (P. K.): Die KI-Forschung zeichnet die Schweiz aus. Ethisch betrachtet ist sie jedoch problematisch unterwegs: Datenschutzverletzungen, Diskriminierungen durch Algorithmen, Desinformation via Deep Fakes – all das gefährdet Menschenrechte und Demokratie. Zudem ist der Energie- und Wasserverbrauch von KI besorgniserregend.
Regulierung oder Freiheit? – Zwischen EU AI Act und Eigenverantwortung
N. G.: Braucht es in der Schweiz und weltweit eine umfassende rechtliche Regulierung von KI – ähnlich wie der EU AI Act?
P. K.: Ja, dringend. Es braucht nationale Gesetze und globale Strukturen. Ich schlage eine menschenrechtsbasierte KI sowie eine „Internationale Agentur für datenbasierte Systeme“ (IDA) bei der UNO vor – nach dem Modell der Internationalen Atomenergiebehörde. IDA soll ethisch Positives fördern und Gefährliches verhindern.
S. R.: Wir lehnen ein bürokratisches Technologiegesetz nach EU-Vorbild ab. Der Schweizer Rechtsrahmen bietet bereits eine solide Grundlage. Wichtig ist, dass die Schweiz innovationsfreundliche Bedingungen schafft und internationale Werte mit Augenmass umsetzt: Zentrale Prinzipien ja – Innovationshemmnisse nein.
Selbstregulierung oder staatliche Kontrolle?
N. G.: Soll die Schweiz – wie die USA oder Grossbritannien – auf Richtlinien statt auf Gesetze setzen?
S. R.: KI ist eine Grundlagentechnologie, die sich rasant entwickelt. Eine flexible Selbstregulierung ist effizienter als starre Gesetze. Die Schweiz hat eine lange Tradition in Eigenverantwortung – das sollte fortgeführt werden.
P. K.: Richtlinien reichen nicht. Ohne verbindliche Kontrolle florieren menschenrechtsverletzende Geschäftsmodelle. Wir brauchen verbindliche Marktzulassungsverfahren – wie bei Medikamenten – um Menschen und Umwelt zu schützen.
Früher Anwender oder Nachzügler?
N. G.: Ist es von Vorteil, ein „Early Adapter“ zu sein?
P. K.: Innovation scheitert nicht an Regulierung, sondern an mangelnden Investitionen. Historisch gesehen fördern klare Regeln Innovation – wie bei der Luftfahrtindustrie in den USA.
S. R.: Die Schweiz ist bereits ein Early Adapter. Unsere Unternehmen nutzen KI überdurchschnittlich stark. Entscheidend ist, attraktive Rahmenbedingungen zu erhalten – ohne Überregulierung.
Ethik, Sicherheit und Verantwortung
N. G.: Besteht nicht die Gefahr, dass KI unreguliert auch missbraucht wird – etwa für Waffen oder Überwachung?
P. K.: Wenn die Schweiz Regulierung verzögert, schützt sie die Täter statt die Opfer. Monopole gefährden die Demokratie und Menschenrechte – das muss sich ändern.
S. R.: KI kann wie jede Technologie positiv oder negativ genutzt werden. Der Gesetzgeber muss die Anwendung regulieren, nicht die Technologie selbst. Unser Rechtsrahmen schützt bereits zentrale Werte wie Freiheit und Verantwortung.
Investitionen in Forschung und Bildung
N. G.: Sollen die Investitionen in KI-Forschung verstärkt werden?
S. R.: Ja, gezielt und strategisch. Statt blindem Investitionswettlauf braucht es Kooperation zwischen Hochschulen, Forschung und Industrie – sowie eine starke Aus- und Weiterbildung.
P. K.: Die Schweiz hat die Chance, führend in menschenrechtsbasierter und nachhaltiger KI zu werden. Investitionen können hier weltweit positive Wirkung entfalten.
Innovation fördern – Monopole brechen
N. G.: Welche Innovationshürden bestehen aktuell?
P. K.: Fehlende Regulierung hat Monopole begünstigt. Big Tech dominiert Suchmaschinen und soziale Medien – und unterdrückt dadurch Innovation.
S. R.: Viele Unternehmen schöpfen ihr KI-Potenzial noch nicht aus. Es fehlen Fachkräfte und qualitativ hochwertige Daten. Bürokratie und Unsicherheit bremsen zusätzlich.
KI in wissensintensiven Branchen
N. G.: Worauf muss unsere Branche besonders achten?
S. R.: KI bietet gerade wissensintensiven Branchen enorme Chancen. Entscheidend ist, sie strategisch einzusetzen, zügig zu implementieren und Mitarbeitende gezielt zu schulen.
P. K.: KI ersetzt zunehmend menschliche Arbeit, auch in hochqualifizierten Berufen. Der Wandel muss sozialverträglich gestaltet werden – mit neuen gesellschaftlichen Modellen wie meiner „Society Time“-Idee, die Einkommen von Erwerbsarbeit entkoppelt.
Wird KI die Menschheit beherrschen?
N. G.: Wird eine Superintelligenz die Menschheit irgendwann beherrschen?
S. R.: Dystopische Szenarien bringen uns nicht weiter. Risiken müssen gemanagt, Chancen aktiv genutzt werden.
P. K.: Mir bereiten die heutigen Menschenrechtsverletzungen durch KI mehr Sorgen als hypothetische Zukunftsszenarien. Menschenrechte gelten online wie offline – und müssen konsequent durchgesetzt werden.
N. G.: Vielen Dank für das Gespräch.
Quelle: Interview mit Simon Ruesch (Swico) und Prof. Dr. Peter G. Kirchschläger, geführt von Nina Gerwoll
Bildquelle: Business Aktuell / Swico / Universität Luzern

